Jesús Sepúlveda

Die Blechtrommel

 

I

Der einsame Junge schaut am Fenster vorbei

Der Atem wird zu einer Dampfwolke in der schwülen Werkstatt 

Zitternd sitzt er auf dem Bett

und unterhält seine Nichte

Sie hören zusammen den Schreien zu die aus dem Esszimmer dringen

wie Sirenen des Todes

 

II

Jeden Morgen geht Mama um die Ecke

Dad arbeitet im Hintergrund

Das Bohren oder das Schmirgeln gehen mir auf die Nerven

Der Föhn und das Feuerzeug

Ich liebe es, unter die Bettdecke zu kriechen, als wäre es Winter

Jetzt ist der Vater krank

Es gibt Hubschrauber und die Ausgangssperre

 

III

Papa hat sich gestern betrunken und den Tag zuvor auch

Ich dachte, er wäre tot

Er riecht nach Alkohol und es macht mir Angst

 

IV

Ich ziehe es vor, nicht nach draußen zu gehen

Meine Schwester denkt, ich sei komisch

Denn jedes Mal, wenn ich krank werde

schwellen meine Augen und mein Körper an

Später dehydriere ich wie ein Totenkopf

 

V

Ich kann die Dunkelheit nicht ausstehen

Mama erzählt uns gerne Geschichten

Sie sagt, Großmutter kommt zurück und öffnet die Schubladen

Mein Bruder und ich schauen uns aus den Augenwinkeln an

Er ist älter und sagt mir, was ich tun soll

Ich lese seine Bücher und schlage ihn beim Schach

 

VI

Sie ließen mich früh die Schule abbrechen

Mein Bauch tat mir weh und Dipirona half nicht

Dad wollte sich letzte Nacht erhängen

 

VII

Der Arzt verschrieb zwanzig Tabletten täglich

In der Abenddämmerung lausche ich den Gesprächen der Erwachsenen

Sie reden über Politik und trinken Wein oder Tee

Im Sommer wurde ich zweimal krank

In diesem Jahr haben sie mich vom Turnunterricht entschuldigt

Mittags sitze ich auf dem Schulhof mit meiner Brotdose

Es ist mir wie immer peinlich

Ich denke über den Tod nach

Einen Nachbarn und einen Klassenkameraden mag ich zwar

Die älteren Jungs reden aber übers Ficken

Ich werde aus Knete einen Dschungel formen

Und ich verspreche, mir keine Erkältung zu holen

 

(Aus dem Englischen von Artur Becker)

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