Daniel Zahno

Das Ur

Das Ur, das ich in der Petite Camargue Alsacienne fotografieren wollte, kaute Gras. Es war ein gewal­tiges Tier, etwa eins siebzig hoch, drei Meter lang, ein kapitaler Brocken. Seine Hörner, eine weisse Gabel mit schwarzen Spitzen, waren kräftig und weit ausladend. Doch seine Frisur war wunderschön, hatte etwas zart Verträumtes, seine Stirnfransen fielen ihm in einem dichten, märchenhaften Vorhang über beide Augen herab. Durch diesen Vorhang konnte es nichts sehen, und doch schaute es mich an. Es war unheimlich, wie ein Röntgenblick. Ruhig und unendlich gleichmütig stand es da, als ob es sich nie mehr bewegen wollte. Als meine Kamera piepste, scharrte es plötzlich mit den Vorderhufen. Dann schnaubte es. Erst leise, dann lauter. Leichtfüssig setzte es sich in Bewegung, so dass das Brackwasser aufspritzte. Als ich wieder zu mir kam, frass es neben mir friedlich Brennnesseln. Zwei Meter weiter lagen die Reste meiner Kamera. Scheisse!, dachte ich. Als ich aus dem Spital entlassen wurde, liess ich mir über beide Augen herab Stirn-fransen wachsen. Wegen der Mähne bin ich seither nahezu blind, und doch habe ich so einen viel klareren Blick, ein fantastisch neues Lebensgefühl. Das Ur in mir weidet sich an der ungewohnt frischen Sicht auf die Welt, während der Mensch, der noch an der Kamera kaut, mehr und mehr ins Gras beisst.

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