Oleg Jurjew

Aus dem Poem Von Arten und Weisen (Auszug)
 

Greise im Zug  

Ein deutscher Greis in bis zum Hochglanz geputzten Schuhen exzerpiert eine Zeitung. Steigt aus – Leinentaschen mit Exzerpten schlagen in seine dicken Beine, drehen sich um seine geschwollenen Hände. Die Zeitung bleibt auf dem Sitz liegen.

Ein türkischer Greis mit einer runden bunten Mütze und in einem abgetragenen Jackettanzug läßt mit großen weißen Nägeln eine bis zum Hochglanz, bis zur Herausbildung eigener Tiefenstrukturen abgeriebene Gebetskette aus Kirschenholz durch seine gelbbraunen Finger passieren.

Ein italienischer Greis, ganz in Weiß – vom Hut mit der geraden breiten Krempe bis hin zu den Schuhen mit den winzigen Zierlöchern, welche ein von den Zehen zur Schnalle hin breiter werdendes Dreieck bilden. An der linken Hand, am Ringfinger ein Silberring mit Jaspis – einen so großen, so gewölbten und so bis zum Hochglanz polierten Ring habe ich zuvor nur einmal gesehen – an der Hand des russischen Lyrikers Heinrich Sapgir (vor etwa dreißig Jahren), was diesem damals zusammen mit Lederjacke, Bootsmannsschnurrbart und (so scheint es mir) Backenbart das Äußere eines Zahnarztes auf Urlaub verlieh ... Der italienische Greis erblickt auf dem Bahnsteig den geschwungenen Gang der überlangen Beine eines Mädchens – und eilt zum Ausstieg. Natürlich ist er im Besitz eines Gehstocks mit bronzenem Knauf.

 

Meine Chinesen

Chinesen mit Mullmaulkörben – überall.

Eine Chinesin in einer grauen Schirmmütze, sich vorlehnend, überaus erzürnt schreit sie in das Telefon hinein – in Frankfurt auf dem Bahnhof.

Ein chinesisches Paar zeigt sich etwas in ihren Telefonen und schreit sich besorgt an, wie ein Mandarinentenpaar. In den Tunneln sind ihre Gesichter erbläut – im Zug Berlin-Frankfurt (diesmal an der Oder).

Eine Chinesin trinkt, nachdem sie überaus streng mit ihrem Gatten gesprochen hat, welcher alles, aber auch wirklich alles falsch macht, Coca-Cola aus einer Literflasche. Nach jedem Schluck rülpst sie sonor, schaut sich triumphierend um und stellt wohlerzogen ihre Handfläche vor den Mund. Der Gatte ruft, um die Göttin milder zu stimmen, die Kinder in China an und reicht ihr das Telephon über drei riesige Koffer hinweg, die er auf einem freien Platz aufgestellt hat. Ihre Stimme wird tiefer, sie lacht immer auf in kurzen Sequenzen; nach dem Gespräch gibt sie das Telephon zurück und schläft ein. In einem Abteil des Zuges Frankfurt-Basel.

Der Sommer ist vorbei, die Chinesen sind verschwunden, sind in den Osten geflogen. Ich warte auf den Frühling.

 

IM KONZERT (2)

Der Pianist setzte sich ans Klavier, krümmte den Rücken, neigte sich zur Seite und fing an, mit seinen gespreizten und gebeugten Fingern die Französischen Suiten zu spielen. Je länger er spielte, desto krummer wurde seine Nase, und desto breiter der Mund. Und desto schneller erbebte sein immer fusseliger werdender länglicher Kopf – er sah immer mehr nach einem Judenklezmer aus. Er war ja auch ein Judenklezmer.

Er spielte zu Ende, stand auf, machte eine Verbeugung – auf wundersame Weise wurde seine Nase gerade, der Mund machte zu, der Kopf bekam eine edle Haltung und sogar eine gewisse Gekämmtheit – wie ein glattes Europäerchen, beinahe wie ein englischer Lord verließ er die Bühne unter stürmischem Applaus.

Der selbstverständlich völlig verdient war, denn der Mann hatte ja nicht schlecht geklezmert!

 

NEUJAHR (01.01.2018)

Die Sonne, frostig, hinter dem Fluß ...

… Die Afrikanerin im Café hat unter ihrem blauen Turban einen riesigen Kopf, doppelt so groß wie der Kopf des Deutschen, der die Lehne ihres Stuhls umschlingt. Das bedeutet, sie ist doppelt so klug wie er.

Platanen erkalten in ihrer billigen Tarnkleidung.

An einer Straßenecke haben einige Männer mit schwarzen Hüten und versilberten Stiefeletten ein hohes rundes Tischchen aufgestellt und schenken darauf jedem Passanten, der einen Hut trägt, ein Gläschen Wodka ein. Auch ich bin bewirtet worden.

In einem Vorgarten hat man der Venus von Milo einen Weihnachtshut aufgesetzt. Recht hatte Ilja Sdanewitsch, als er 1912 behauptete, daß ein Schuh schöner sei als die Venus von Milo. Aber er hat wahrscheinlich die Venus von Milo nie mit einem roten Hut, an dessen langem Schwanz eine weiße Bommel hängt, gesehen: Die Venus von Milo mit einem Weihnachtshut ist schöner als ein Schuh.

… Ein kleiner Spinnwebmond in der rechten Ecke des Himmels.

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