Jurij Khěžka

Raubvogel

Die sengende Junisonne tauchte die lodernden Strahlen in den grünen Schatten. Dieser Schatten war gleich dem Feuer in den Erden des erfrorenen Winters, des verschneiten Frühlings und des vereisten Sommers. Den Hügel, besetzt mit einigen mächtigen Kiefern, die sich aristokratisch über vielerlei Buschwerk ausbreiteten, konnte man nur wegen des dafür fehlenden Wortes Hügel nennen.  In seiner Mitte ist eine Grube ziemlich tief in den steinernen Brustkorb getrieben. Vor Jahren suchte dort ein findiges Köpfchen nach Schätzen, doch der gelbe Stein zerbrach wie Keks, die schweren Räder stockten; heute ist die Grube mit grünlichem Wasser vollgelaufen. Dorthin ging ich am liebsten baden. Ganz allein und mittags, wenn die Leute ihre Löffel liebkosten.

Ich stellte mich an den Rand der Steinwand und sah in den tiefen Wasserschoß hinab. Der Spiegel des Wassers und die Sonne in ihm gaukelten mir Bilder vom Tiefenkönigreich vor. Ich zog mich aus und warf das Bündel Sachen hinter die junge Espe, die sich aus einem geborstenen Stein mühsam emporschob.

Da höre ich ein Zischen. „Sollst sinken!” Das kam mir fast wie gesprochen vor. Was war das? Ach nichts! Ich schob mich an der Wand hinab und tauchte Glied für Glied in die kühle Umarmung. Dann stieß ich mich ab, mit den Füßen kräftig tretend und mit den Händen schlagend bewegte ich mich über der Untiefe. Lange gefiel mir dies Mühen nicht. Ich fasste nach einem festen Halt und zog mich auf das steinige Ufer. Ein Bad im Kalten kann nicht schaden, zumal ein kurzes. Das Haar hing mir wirr ins Gesicht, ich griff nach der Hose und suchte in den Taschen nach einem Kamm. Wieder hörte ich das Zischen. „Kreuzotter”, ich erschrak (vor diesem Reptil hatte ich Respekt), ließ die Hose fallen und brach eine lange Schwuppe von der nahen Birke. Mit einem Eisenstab, der rostig war und dort wohl schon lange herumlag, hob ich vorsichtig das Hemd hoch, doch unter ihm war nichts und unter dem Ast auch nichts. Ich trat zurück und bewegte die Äste der kleinen Espe, das Zischen setzte erneut ein. Ich bewegte alle Äste. Im Spalt zwischen Erde und unterstem Ast wurden im Schatten zwei große, unruhige Augen sichtbar; nicht die Augen einer Kreuzotter, sondern die eines gefiederten Raubvogels.

Du Tollkühner, bist wohl schon vor der Zeit aus dem Nest entwischt, warte nur, mir entwischst du nicht! Ich warf den Stab und die Schwuppe in die Büsche und zog mich schnell an.  Dann kniete ich mich neben den Spalt und bog den Strauch zurück. Dort saß ein Sperber, er hatte sich fast zur Kugel zusammengedrückt, nur die Augen waren aufgerissen und auf mich gerichtet. Er zwickte kräftig in die Hand, die ihn zu berühren versuchte. In den Augen sah ich sein künftiges Leben. Du gefällst mir doch, dachte ich, bist geradlinig, ohne Falsch; warte nur, warte, dir zu helfen ist leicht! Ich warf ihm meine Mütze über und fasste fest zu. Umsonst wehrte sich der Vogel mit dem Schnabel, den Krallen und den noch schärferen Augen. „Ein Käfig aus Eisen wäre für dich das richtige Haus“, sagte ich und setzte ihn in einen solchen. Dann ging ich für ihn etwas zu essen suchen. Ich spähte überallhin, umsonst, nirgendwo war auch das kleinste Stückchen rohen Fleisches. Verärgert trat ich in den Schuppen zurück und setzte mich auf den Sägebock neben den Käfig. Der junge Sperber bewegte sich nicht, nur in den glasklaren Augen schwammen zwei winzige Wolken schnell hin und her.

„Armer Schurke, ich hab nichts für dich“. Da tat er mir leid, ich öffnete den Käfig, um ihm über den geschipperten Rücken zu streichen, doch der Gefangene konnte mir nicht bis in die Seele blicken; er zwickte mich schmerzhaft in den Daumen.

„So, ein Rowdy!“ Er, schlug mit den noch nicht ausgewachsenen Flügeln und griff mit den scharfen Krallen nach den Eisenstäben, dass die schönen Federn flogen wie Schneeflocken im Wind. Müde geschlagen setzte er sich wieder still in eine Ecke, aber seine Augen – als ob sie weinten.

„Dir ist es wohl im Käfig nicht recht, hab Geduld, ich bring dir alles bei, was man braucht, sich zu verteidigen.“ Nachdem ich es laut gesagt hatte, fing ich zu grübeln an, der Vogel gab keinen Laut von sich. Er hatte die Freiheit noch nicht gekostet, außer dass er der Mutter aus dem Nest entwischte. Man muss ihn lieben, so ein Vogel ist nicht dumm, ein Freund soll er mir werden.

Ich beeilte mich, an meine Arbeit zu kommen. Der kleine Freund ging mir nicht aus dem Kopf, wie nur sollte ich es ihm recht machen. Nach einer Stunde kehrte ich zu ihm zurück, mein Vorhaben war endgültig. Was konnte ich ihm besseres geben als das, was ich selbst am meisten liebte – die Freiheit. Der Sperber duckte sich ängstlich in einer Ecke.

„Hab keine Angst”, ich nahm den Käfig und ging hinaus. „Ich bin jung wie du, wie du will ich die Freiheit erfahren; so soll mir geschehen, was jetzt dir geschieht!”

Dort, wo ich ihn gefunden hatte, öffnete ich den Käfig und sah von Weitem zu, was geschah. Der Sperber tat einen Schritt heraus, kreischte und kroch in sein altes Versteck zurück. Es dauerte nicht lange, da kam der Muttervogel; er setzte sich zuerst auf den Stein an der Espe, dann beobachtete er die Gegend. Ich rührte mich nicht. Schließlich hüpfte er zum Kleinen unter den Ast. Lockte ihn heraus. Freie Lebewesen waren das.

Ich bezweifelte trotzdem, dass die geschipperten Sperber, der alte wie der junge, darüber mehr Freude empfanden als ich.  (13.11.1937)

 

(Aus dem Obersorbischen von Róža Domašcyna)

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