Marcel Beyer

In meines Vaters Haus

In meines Vaters Haus sind viele

Wohnungen. Ich möchte keine

einzige von innen sehn. Parterre

steht man knöcheltief in Marzipan.

 

Man spürt, dies war die längste Zeit

ein Knochenheim. Man wird mit

abgebrochnen Füßen weitergehn.

Der Läufer auf den Stufen fühlt

 

sich an – man kanns schwer sagen:

wie ein eingeseifter Labrador,

ein Hüftbruch mit Meerschweinchen

nach Feierabend. Im ersten Stock

 

greift einem etwas in den Schritt.

Nichts Sichtbares – ein

Temperatursturz, ganz leicht. Hinten

im Gang macht Sylvia Plath sich

 

jeden Mittag an einen jungen, bleichen

Nazi ran. Im zweiten nur

Etagenbetten, heller Sand. Noch

mehr Etagenbetten. Muschelschalen.

 

Splitt. Der Knabenchor singt einen

Kanon, Tag und Nacht. Hinter

der Wand. Hinter der Wand. Hinter

der Wand. Auf halber Treppe ein

 

Verschlag, Dentallabor. Da lagern

Kettenraucherzähne, täuschend

echt. Im dritten die entmietete

Einkaufsmeile, die längste in

 

der ganzen Stadt. Noch in Betrieb

die Waschanlage für meines Vaters

Wagen, den kleinen Daimler, in

dem Yoko Ono starb. Die beiden

 

hatten sich gerade frisch verliebt.

Im Dach eine Schnappfalle mit

Belohnungen, für die ein jedes Kind

die rechte Hand hergibt – Muscheln,

 

Knochen, Zähne, Daimler, Labradore,

Etagenbetten, Meerschweinchen

aus Marzipan. In meines

Vaters Haus sind viele Wohnungen.

 

Mach
 

Mach dich gefaßt auf deine

leisesten Innengeräusche.

Mach dich gefaßt auf deine

dämlichsten Binnengeräusche,

 

gefaßt auf deine nämlichsten,

deine beschämendsten

Wimmergeräusche. Mach dich

gefaßt auf »wie hing ich

 

so warm an«, gefaßt auf »ich

Maienblümchen im Walde

mir«. Mach dich gefaßt auf

Eichen und Einfalt. Auf Einst

 

und auf Jetzt. Du fütterst dein

Hühnchen, du pflanzt deinen

Kohl. Mach dich gefaßt

auf die Herzkammerbowle.

 

Du wälzt dich im duftenden

Heu. Mach dich gefaßt auf

die Schwärmer, also mach dich

gefaßt auf die Tschechenböller,

 

die du da schleuderst, am Hang,

am Hang. Mach dich gefaßt

auf die offene Feldschlacht.

Auf die Verachtung. Und deine

 

Zelle. Mach dich gefaßt auf

Husten, auf Kummer, Forelle

und Stroh. Gewöhn dich

an Lorbeer und Schlaflosigkeit.

 

An das Gewölle. Gewöhn dich

an alles, was du verpaßt.

An die überall ähnlichen

Nimmerbräuche. An Made und

 

Krach. Mach dich gefaßt auf

den Würger, den Würger.

Mach dich gefaßt auf Milch

und auf Schnitten. Mach dich

 

gefaßt auf die Mitternächte.

Auf den singenden, auf den

hängenden, den schwingenden,

fallenden Ast.

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