Tom Schulz

Siracusa – ein Tag im Leben

 

Die Afrikaner schlafen im Park, während die Quelle der Aretusa

niemals versiegt. Am Meer ist es schön, ich habe das einmal

gelesen: das Meer ist blau. Wo man es erblicken kann, an der

Via de Tolomei, zeigt mir ein Hausierer sein Geschlecht und spritzt

 

mit einer Wasserflasche. A day in the life. Ich latsche in der schon

sengenden Morgensonne zur Nekropole einer Heiligen. Ich trete

mit meinen nagelneuen grünen Gazelle-Sneakern in die Hunde-

scheiße. I read the news today oh boy.

 

Lauf mit mir zum Fischmarkt hinüber! Passiere die Wartenden vor

der Einwanderungsbehörde. So ein Tag, der Prosecco frühstückt

mit uns am Mittag: Wir schieben die Sonnengläser tiefer in den Blick,

tief in den Ausschnitt, und halten Stiele in der Hand.

 

Marschier den Corso Gelone hinauf, unter Menschen und Pinien.

Busse halten. Wir sind stark behaart und können doch nicht auf

die Bäume klettern. Wir halten einen Selfie-Stick im Anschlag,

unsere Kontakte geschehen mit den Tast-Sinnen.

 

Pinien, ja, und das Griechische Theater, halb brettervernagelt

für ein zahlendes Publikum - ich stehe nackt im Bad der Pension,

die Carlo gehört. Ich öffne das Fenster und sehe eine Frau am

gegenüberliegenden Fenster, auch sie sieht mich.

 

Trauriger Süden. e qui ripeto a te/ il mio assurdo contrappunto/ di

dolce di furori,/ un lamento d’amore senza amore. Dichtete Salvatore

Quasimodo, der auf der Insel das Licht erblickte – und klagte. Ich kann

nicht klagen, es läuft gerade wie geschmiert. Eine hohe Auflage

 

nach der anderen. Ich kann mich kaum retten vor Glückwunsch-

Telegrammen und Sprachnachrichten. Ich bin verliebt in die Kritik

und wünsche niemandem etwas Schlechtes. Wen soll ich anklagen

oder gar verklagen? Es zieht mir die Schuhe aus. Ich schnaufe:

 

Trauriger Süden. Gesteinsbrocken liegen gestapelt an der Mole, die

Boote fahren hinaus. Hinter dem zerrissenen Vorhang der See beginnt

eine Weite – dort, wo der blatternarbige Mann das Wasser spaltet.

Nach zwei Stunden Schlaf die Ankunft in Atlantis. Am Eingang bittet

 

man mich, die Wand zu signieren. Schlaf in den Nachmittagsstunden

zermürbt die freundlichste Natur. O, der Süden ist müde – ich bin es

auch. Eine Gruppe Franzosen tritt aus einer Höhle, die das Ohr

des Dionysos darstellen soll. Niemand kann es finden, auch die

 

Franzosen nicht. Niemand kann den Fälschungen ansehen, dass

sie echt sind. Tatsächlich kann niemand drei Frauen gleichzeitig

heiraten und einen Dolch verbiegen. Wer soll die Tyrannen richten?

Welcher Bürge steht für uns ein, die wir mit einer überhöhten

 

Kohlenmonoxyd-Bilanz durch die Alte Welt pesen? Die wir in

jeder Stadt nur ein paar nasse, verschmutzte Handtücher hinter-

lassen. „Zurück, du rettest den Freund nicht mehr“ – ich weiß,

dieses Jahrhundert nach der schwarzen Null hält uns nicht aus.

 

Gebt mir einen Umbrella und ich male die Welt gelb und blau.

Gelb für den Seeigel und blau für das Kind. Gebt mir einen Stift

und ich werfe ihn gegen das Leinentuch. Ich lasse ihn auslaufen,

alle Farben werden sprühen. Wirklich alle. Alles läuft aus, die

 

Kreuzfahrtschiffe, die Tanker und der Pelikan-Stift. Ich liege im

Wasser wie eine Flunder und habe nasse Beine. Ich bin ausgelaufen.

Trauriger Süden. Die Meeres-Tonnen tanzen im Wind. In dieser

Trauer wohnt das Glück. Lauft aus und trauert vor Glück!

 

Es kann sein, dass ausgerechnet in diesem Moment eine Million

Japanerinnen Fotos von der Erde machen. Es kann sein, dass die

eine Hemisphäre vor uns schlapp macht. (Ich will das nicht wissen,

ich schreibe Gedichte in Syrakus wie ein Tourist in Rom. Ich lese die

 

lächerlichen Gedichte, die andere Touristen vor mir verfasst haben:

Was ist eine Zeile wert?) BERLUSCONI LARGO PEZZO DI MERDA -

ist das korrektes Italienisch oder einfach Sprech? Gespreizte

Konformisten aller Poesien Länder, vereinigt euch, geht aufs Klo,

 

und spült euch runter! Carlos Kampfhund steht auf dem Balkon und bellt

die mitteleuropäische Sommerzeit an. Ich denke an den Mann am Meer,

den ich am Nachmittag traf: Mare Ionico. Aus dem Meer wird Salz

gewaschen, aus dem Salz die Tränen, aus den Tränen der Schlaf.

 

 

[Ausschnitt, das gesamte Gedicht können Sie in OSTRAGEHEGE 88 lesen] .

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