Maram al-Masri

ELLE VA NUE LA LIBERTE / DIE NACKTE WAHRHEIT

 

 

1

Auf die Wand einer Schule  

schrieben kleine Schülerhände

mit weißer Kreide das Wort Freiheit.

Auf die Wand der Geschichte

schrieb die Freiheit ihren Namen

mit Blut.

 

5

Habt ihr ihn gesehen?

Er trug sein Kind im Arm

und ging gemessenen Schrittes, aufrecht,

mit erhobenem Haupt dahin.

Wie froh und glücklich wäre das Kind gewesen,

so von seinem Vater in den Armen getragen zu werden,

wäre es noch am Leben gewesen.

 

23

Wir im Exil

leben mit Beruhigungspillen.

Unser Vaterland ist jetzt Facebook.

Es öffnet uns den Himmel.

der verschlossen ist

an den Grenzen vor unserem Gesicht

 

Wir im Exil

schlafen mit unserem Handy an den Körper gedrückt

unter den Lichtern unserer Computerschirme.

Wir schlafen erschöpft und traurig ein

und wachen voller Hoffnung auf.

 

Wir im Exil schleichen um unsere Häuser in der Ferne

wie liebende Frauen

um die Gefängnisse,

in der Hoffnung, den Schatten

ihrer Geliebten zu erspähen.

 

Wir im Exil

leiden an einer unheilbaren Krankheit

 

Wir lieben ein Vaterland,

das ermordet wurde.

 

41

Gedichte haben nichts genützt.

Lieder nicht,

Tanzen nicht.

Weinen und Schreien haben nichts genützt

auch das Lächeln der Kinder nicht

Daraya hat nichts davon gemerkt

Deine Rosen und Olivenzweige

für die Soldaten des Todes

Auch keine großartigen Kerzen,

große Dame von Salamieh

auch das Brot nicht, Halfaya

Nichts konnte das Vordringen der Panzer stoppen.

 

42

Eine Welt möchte ich bereiten,

in der es keine Waffen und

keine Kriege mehr gibt.

Eine Welt, in der eine Mutter

den Sohn einer anderen Mutter

wie ihren eigenen liebt.

Eine Welt, die keinen Unterschied

macht zwischen den Menschen.

Eine neue Welt,

in der weder Ruhm noch Niederlagen zählen.

Eine Welt möchte ich bereiten,

die nicht schon an die Arche Noah glaubt.

Eine Welt möchte ich bereiten,

in der kein Mensch ohne Zuhause ist,

in der niemand durch Kälte oder Hunger stirbt.

Ich möchte eine Welt bereiten,

in der Ich zu Wir wird,

eine Welt, naiv und aufrichtig

wie dieses Gedicht.

 

Aus dem Französischen von Margret Millischer

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