Aleksander Nawrocki

Drei Gesänge des Orpheus

I

Du bist der Frühling meiner felsigen Heimat,

du bist die Frucht, deren Geschmack die leeren Grotten durchdringt

und den Gedanken befiehlt, zwischen beiden Polen zu wandern.

 

Du bist der Himmel und die zerbrochene Erde,

die Grenze, an der die Winde vergehn,

wo das Meer unfertig ist und voll von Schuld,

und seine Wasser tragen das reine Blau.

 

Du bist die Kette, die meinen Tag umschließt,

den langen Tag mit Gazellengesichtern

und dem schlammigen Leib eines Karpfens.

 

II

Die Straßen sind mild, von Wettern geschüttelt,

Straßen wie traurige Mütter

und das herrliche Guernica, wie ein erschoss՚ner Soldat

nach besiegelter Unterwerfung …

 

Die Straßen der Stadt, an welchen ich sehe die Tore

zwischen erblühenden Knospen der Bäume im Regen,

und nur in meiner Zeit,

in der Mitte greifbarer Gegenstände

mit gebräuchlichen Namen,

Straßen, du bist zu mir nicht entlang sie geschritten,

meine Lieder zu lieben.

III

Eurydike, mein Lied, ich hab es gelöscht bei deinem Tod,

zu sprechen begann ich, in meinen Worten nisteten

fremde Objekte, welchen zu dienen ich anfing,

fremde Herzen, die zu verstehn ich begann

und ich begann Kupfer und Eisen zu lieben

und Leid, ich nannte es Licht

mit tierischen Hufen.

 

Eines von den Gestirnen blieb damals erstaunt

und plötzlich zerbrach es,

seinen Schatten vergrabend im spasmodischen Farbenstrahl

und über ihm strich still die Ewigkeit der planetarischen Ordnung,

überzeugt von ihrer prophetischen Botschaft.

 

Eurydike! – dich zu beweinen wird wie stummer Schlag sein

im Wachsen des Baums, wie ein Wort aus ewigen Zeiten,

das heut keiner kennt und will’s nicht verstehen.

Einen Weg wird es geben entlang des Äquators

über dem der leibhaftige Stern steht, und dein Name wie Eis.

 

Nicht zurück, Eurydike, kehr. Die Luft heilt nach den Kämpfen

zusammen, es heilen dein lustvoller Schrei

und deine schleichenden Blicke einer hilflosen Schlange;

welchen am nächsten ich stand.

 

Denn wenn wir unsere Hände wieder berühren, wie werden wir

nennen die Liebe, die ich noch trage unter der Haut?

 

Über mein gigantisches Herzweh: Was hast du zu sagen?

 

 

 

Eurydike

I

Mein Herr, als du gespielt hast,

führten die blinden Schluchten mit sicherem Schritt,

auf der Erde, herausgehauen für uns,

wir gingen durch Luft voller Salz,

herausgerissen durch deinen Gesang.

 

II

Nahe war mir das Streben der Vögel

mit den schwingenden Flügeln

zwischen Himmel und Erde

und stets in der Sonne.

 

Und als blau mir wurden die Füße,

als deine fernen Lieder hier, im Tal an der Tempe,

fielen von mir mit den nichts bedeutenden Fetzen des Körpers,

als die Angst vor Aristaios

erfüllte das ufernde Meer,

zwickt‘ ich die Erde – die Brust eines fremden Mannes –

sie schrien nicht, haben mich

nicht verdeckt auch damals,

oh, Orpheus, den Frieden um mich, ich konnte ihn dir nicht lassen.

 

Du hast den Hades verlassen.

Teurer war dir die Ehre.

Du hast die Götter verspottet, zu weinen um meinen Namen,

 

der umgeht zwischen den Bächen und Hirten,

größer und fremd,

wenn keiner mich lieben wird. 

 

(Aus dem Polnischen von Peter Gehrisch)

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