Gregor Kunz

Der Bahnhöfe Brot

 

Geliebt in Gehegen, gehaßt und zubenannt, dann aufgeteilt, ich weiß;

im Lichte Jemand – wer? – am Flatterband mein Niemandsname steht.

Von Bildern bestimmt und Gerede; von der Nachtzugbegegnung geschnitten,

mein Bild unter Bäumen schwarz-gelb, mein Bild spricht im Fenster:

Es wird, war gewesen, ist was? Sie werden's dir sagen.

Aus geht der Schmerz mit den Knochen, Beine sind Schicksal.

Hier, wenn ich bin, bin ich nichts als ein haltbarer Leib

 

Tragt mich auf Händen, laßt mich gehen, was sie nur reden.

Ich weiß, was das ist, ein Tier ohne Fell, in Fabriken gesperrt.

Vom Alb der Geschlechter raunt es: Aus freien Stücken gemacht.

Niemand von Niemand auf Füße gestellt, wurde, ach, wird,

Gestalt von Gestalten, von Dingen verlangt und gedrängt,  

zieht, wird gezogen, und wird immer leiser. Wem sag ichʼs?

 

Überall Skylla und immer Charybdis, bellen Katze und Hund;

Rinden von Platanen fallen und Konsonanten trocknen über Sonnenwurzeln.

Töpfe harren und Tiegel, Kollateralschlacken in Halden, und in den Halden Heldenbruch.

Blaßgelbes Laub in Wäldern fällt und Gras wächst, Tiere fallen.

Laub unterm Hemd, und unterm Hemd die losen Lederflicken; ich weiß, was das ist.

Kalt liegt das Licht auf dem Wasser und kalt liegen Steine im Licht.

Einst waren die Götter noch Kinder…

 

Dann alt und verloren. Gib Antwort!

Von Totengold fleckig und blind wie die Armen, ich sollte

mit den Knochensäcken Boni sammeln, in Plastiktüten grauen Seelensplitt.

Gezählt und gewogen, gezogen, im Sog, ich sollte, was verlangt wird, geben.

Worte, das Stammeln, und Häute, von Arbeitsfett fleckig, den Greisen den Greis.

Ich weiß, was das ist, die Angst nackter Tiere, in Schachteln gesperrt.

Und der Haß der Ungeliebten in den Regalen wächst noch.

Und das Wissen, gefaltet und befallen von Schimmel.

Ich bin hier und nicht eßbar, jüngst durch die Röhre geschossen.

Das wollte ich noch gesagt haben.

 

Stumm jagen nachts in den Straßen, nachts über Straßen sitzen die besseren Diebe.

Versuch und Irrtum, Jahr, Nacht, Klang...

Worte liegen in Worten, etwas wie Namen begraben im Hang.

Ja und Nein, Jen und Ain, Nia und Nej.

Womit wirst du antworten? Hier in der Nacht, Ecke Volta und Watt,

ungefragt, alternder Vogelfänger... Hörst du den Krüppel?

Sein Stock spricht wahr ins Federgestöber, von Quarz und Feldspat, Glimmer.

Ithaka gibt's nicht und Troja gab's nie. Nur kahle Männer in Spiegeln und scharrende Füße

 

Aus geht der Schmerz mit den Knochen, Beine sind Schicksal.

Von mir hängt mein Mund ab wie der Bahnhöfe Brot, aber nichts als die Wahrheit.

Was kann ich sagen? Husten vielmehr, den Töchtern der Sonne ins Licht,

vom leeren, dem faltigen Beutel verlorenen Söhnen erzählen...

Selbst in der Liebe hört das nicht auf. Das Leid nackter Tiere in Körper gesperrt

 

Ich weiß, was das ist.

Im hallenden Nicken entkommen den rasselnden Fingern,

den raschen Maschinen entlaufen, den rasselnden Mündern zur Beute bestimmt:

Sag’s nicht, sag’s nicht

 

Wenn ich wüßte wofür, wäre Arbeit ein guter Ersatz

 

2009/2016

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