Axel Helbig

Zhuangzi

Gespräch mit Viktor Kalinke am 22. Februar in Dresden

Viktor Kalinke, ehe wir uns über den von Ihnen herausgegebenen „Zhuangzi“ unterhalten, wollte ich gern noch einmal den Raum ausleuchten, den wir betreten. Die chinesische Philosophie der Frühzeit wird aus heutiger Sicht vor allem durch drei wichtige Gestalten verkörpert: Konfuzius, Laozi und Zhuangzi. Alle drei Philosophen scheinen sich zumindest in einem einig zu sein: früher war vieles besser. Konfuzius heroisiert die Zhou-Dynastie um 1000 v.u.Z. und stellt diese als Beispiel für eine gute Regierung hin und gibt ca. 500 v.u.Z. das Wissen jener Zeit als Kanon an seine Zeitgenossen weiter. Über die Bedeutung der weit zurückreichenden religiösen Fundamente des Daoismus gibt es bei keinem der drei Denker Zweifel. Wie weit reichen diese Fundamente des chinesischen Geistes eigentlich zurück?

Von allen Hochkulturen, die wir kennen, ist die chinesische wahrscheinlich die mit der längsten Überlieferungstradition dank der Kontinuität der Schriftsprache. Sie begann mit Knochen, die für Orakelzwecke benutzt worden sind und in die Zeichen gekratzt wurden. In Schildkrötenpanzer sind die ersten Schriftzeichen eingraviert worden. Später wurde Ton verwendet, was mit einer Art „Rechtschreibreform“ verbunden war. Die zeitlichen Horizonte werden recht unterschiedlich abgesteckt, das variiert je nachdem, ob man chinesische Historiker fragt oder orthodoxe Verfechter der chinesischen Kultur, die gern noch etwas weiter zurück gehen. Bis etwa 5000 v.u.Z. reichen die Anfänge der chinesischen Schrift zurück, ab 1200 v.u.Z. tauchen die ersten zusammenhängenden Texte auf.

 

Also etwa bis in jene Zeit, in der die altbabylonische Keilschrift erfunden wurde?

Ja, ungefähr in diese Zeit und etwas früher noch. Die Chinesen berufen sich auf eine mythologische Figur, Fu Xi, dem die Erfindung des Ackerbaus und der chinesischen Schrift zugeschrieben wird. Auf ihn beziehen sich die drei genannten Philosophen. Fu Xi gilt auch als Erfinder von Schnüren, mit denen man Raum und Zeit messen konnte, ähnlich den Quippu-Knoten, die man von den alten amerikanischen Kulturen in Peru kennt. Die Stadt, die als sein Geburtsort gilt, beherbergt bis heute einen großen Tempel für diesen Mythos. Ob es Fu Xi wirklich gegeben hat, das weiß man nicht. Auch über die Wurzeln des Daoismus gibt es kaum gesichertes Wissen. Offenbar hat er sich weit vor den alten Dynastien aus dem Schamanenkult entwickelt. Darauf nehmen die alten Philosophen unterschiedlich Bezug. Konfuzius hat die Abkehr vom Schamanenkult propagiert, während Laozi und Zhuangzi versucht haben, an den Schamanismus der Vorkulturzeit anzuknüpfen. Während Konfuzius die ersten kaiserlichen Dynastien pries, beziehen sich Laozi und Zhuangzi auf die chinesische Urzeit. Da wird noch unterschieden zwischen Nord-China, der Heimat des Konfuzius, und Süd-China, wo Laozi und Zhuangzi gelebt haben sollen. Im Süden soll auch die schamanische Religion ihren Ursprung haben. Die Entwicklung des Daoismus zur Religion, wie wir sie heute kennen, hat erst lange nach diesen drei Philosophen, etwa 200 u.Z. eingesetzt. Da existierte die Gedankenwelt von Laozi als philosophisches System bereits seit etwa 500 Jahren. In der chinesischen Geschichte hat es immer wieder politische Verwerfungen gegeben. Etwa um 200 v.u.Z., – nach dem Tod des Gründers des geeinten China, Qin Shi Huangdi, bekannt durch die in den 1970er Jahren ausgegrabene Terrakotta-Armee – zerfiel die Gründerdynastie rasch wieder und wurde durch eine 400 Jahre währende, am Anfang daoistisch, später konfuzianisch orientierte Epoche abgelöst, die Han-Dynastie. Erst in dieser  Zeit wurde versucht, die Literatur der alten Philosophen zu erfassen, die bei den unter Qin Shi Huangdi durchgeführten Bücherverbrennungen vernichtet worden war. Einige der bedrohten Werke waren in Tongefäßen vergraben worden. Dies war der Grundstock der ersten kaiserlichen Bibliotheken. 

 

Kann man davon ausgehen, dass auch das, was wir heute über die Biografien der drei Philosophen wissen, im Wesentlichen auf diesen Quellenfunden aus der Zeit der Han-Dynastie fußt?

Der bedeutendste Geschichtsschreiber Chinas war der Han-Gelehrte Sima Qian (145–90 v.u.Z.). Auf ihn geht zurück, was man heute von den Philosophen der Prä-Qin-Zeit weiß. Er war der Sohn des kaiserlichen Astronomen, jenes Sterndeuters, der aus Kenntnis der Bewegungen der Gestirne dem Kaiser vorgab, wann welche Rituale zu vollziehen seien. Sima Qian hatte schon als Kind Zugang zu den alten Schriftrollen, in denen über die großen Philosophen vor der Zeit der Bücherverbrennung berichtet wurde. Die Han-Dynastie wurde dann selbst in einer politischen Krise von anderen Clans abgelöst. In dieser Krise etablierten die „Himmelsmeister“ um Zhang Lu in Hanzhong, einer Stadt mitten in China, einen daoistischen Staat, gegliedert in 24 Verwaltungsbezirke, entsprechend eines kosmologischen Kalenders: Jeder Bezirk stand in Bezug zu einer der fünf Wandlungsphasen, die Einwohner wurden entsprechend des Zykluszeichens ihrer Geburt dem zuständigen Verwaltungsbezirk zugeordnet. In Meditationshallen und Gemeinschaftshäusern wurde kostenfrei Logis und Kost angeboten. Darüberhinaus gab es eine Vorschrift zur Rotationsehe, wonach alle paar Jahre die Frau gewechselt werden musste. Es blühte so etwas wie eine daoistische Alchemie, man versuchte durch bestimmte Ernährungsformen, Meditationstechniken aber auch chemische Stoffe, u.a. Quecksilber, Unsterblichkeit zu erlangen. Die Entwicklung des Daoismus von der Philosophie zur Volksreligion hat nach der Begegnung mit dem Buddhismus noch einmal stark zugenommen. Das aber ist ein eigenes Kapitel. Die erwähnte Bücherverbrennung ist der Grund, weshalb es heute von keinem der drei Philosophen überlieferte Originalschriften gibt. Konfuzius führte ein unstetes Leben als Wanderprediger, der wenig erfolgreich von Hof zu Hof zog, um seine Idee der Rückkehr zu den Werten der frühen Dynastien anzupreisen. Offenbar war es sein Ziel, in diesen kriegerischen Zeiten einen Ministerposten bei Hofe zu finden. Das ist ihm im Alter von 50 Jahren beim Fürsten von Lu gelungen, allerdings zog er sich nach kurzer Zeit enttäuscht wieder aus der politischen Praxis zurück und wanderte mit seinen Schülern weiter von Fürstenhof zu Fürstenhof. Bei Laozi ist die Quellenlage am unsichersten. Vermutlich wurde das Buch Laozi, das Jahrhunderte später den Ehrentitel Daodejing erhielt, zwischen 350 und 250 v.u.Z. an der Jixia-Akademie des Fürstenstaates Qi (im heutigen Shan­dong gelegen) von einer Gruppe von Gelehrten auf der Grundlage deutlich älterer, zum Teil mündlicher Überlieferungen zusammengestellt. Es gibt neuere archäologische Funde mit Fragmenten dieser Schrift vom Beginn des 3. Jahrhunderts v.u.Z. Die überlieferte Fassung, der textus receptus, welchen ich meiner Übersetzung zugrunde gelegt habe, hat der geniale Kommentator Wang Bi (226-245 u.Z.) herausgegeben. Gerade in den letzten Jahren hat die Wissenschaft, insbesondere von Sinologen wie Liu Xiaogan aus Hongkong, auf diesem Gebiet bahnbrechende Theorien in die Diskussion gebracht. Danach setzt sich das Daodejing aus älteren Textelementen zusammen. Mit Hilfe computergestützter Stilanalysen fand er heraus, dass die Texte des Laozi hinsichtlich Reimfrequenz, Reimschema, Wortwiederholungen, Satzlänge und Idiomatik eher dem „Buch der Lieder“ (Shijing) aus dem 6. Jahrhundert v.u.Z. ähneln und weniger den „Liedern aus Chu“ (Chuci) aus dem 4. und 3. Jahrhundert v.u.Z. Daher kann man beim jetzigen Stand der Forschung davon ausgehen, dass es eine Person gab, die man später „Alter Meister“ (Laozi) nannte, weil sie älter war als Konfuzius. Auch in den Gesprächen des Konfuzius gibt eine sehr prägnante Stelle, die dies glaubhaft erscheinen lässt. Darüber hinaus gibt es einige im Zhuangzi geschilderte satirische Anekdoten über das Verhältnis von Laozi und Konfuzius. Aufgrund des satirischen Charakters hat man lange Zeit die Existenz von Laozi in Zweifel gezogen. Doch dies war offenbar ein Trugschluss.

 

Dies ist eine interessante Analogie zum Alten Testament. Auch dieses ist etwa um 600 v.u.Z. möglicherweise von einem Autorenkollektiv zusammengestellt worden.

Stilistisch lässt sich das Buch Zhuangzi am ehesten mit dem Alten Testament vergleichen. Der Laozi-Text ist ein sehr klarer, von einer fast mechanistischen Dialektik durchzogener, mir heute im Vergleich zum Zhuangzi strategisch erscheinender Text. Zhuangzi kann auch wegen seiner bildhaften Sprache und der zahllosen Anekdoten mit dem Alten Testament verglichen werden. Ein Text voller Einschübe und Widersprüche.

 

Geht man beim Zhuangzi ebenfalls von einem Autorenkollektiv als Herausgeber aus?

Zum Verständnis muss man sagen, dass in der Buchtradition Chinas der Name des Autors mit dem Namen des Werkes gleichgesetzt wird. Wenn man vom Zhuangzi spricht, meint dies die authentischen Texte des Zhuangzi plus der Zusätze seiner Schüler und Kritiker. Mensch und Werk werden mit demselben Wort bezeichnet. Das ist bei Konfuzius anders. Dort gibt es Texte, die er redigiert hat, und die nach seinem Tod herausgegebenen Gespräche des Konfuzius, es gibt keinen Text, der „Konfuzius“ heißt. Über die Jahrhunderte gab es stets den Streit zwischen den Konfuzianern und den Anhängern des Laozi. Es gab auch Phasen, in denen der Daoismus zur Staatsphilosophie erhoben wurde, z.B. zu Beginn der Han-Dynastie. Meist jedoch dominierte in China die ideologische Vorherrschaft der Konfuzianer. Der Daoismus wurde klein gehalten und so zu einer Art Opposition subversiven Denkens, welche auf lange Sicht kreativer erscheint als der staatstragende Konfuzianismus. Bereits in der Han-Zeit wurden im alten China Versuche unternommen, Beamte aufgrund ihrer Prüfungsleistungen auszuwählen anstatt aufgrund ihrer Herkunft. Später wurde das meritokratische System fest in die Gesellschaft integriert und es erlaubte begabten Kindern aus allen Schichten den Aufstieg bis zum Premierminister. Den Prüfungsstoff bildeten jahrhundertelang die fünf von Konfuzius herausgegebenen Klassiker. Es handelte sich also um Prüfungen allein im Fach „Literatur“. Im 11. Jahrhundert bemühte sich der gelehrte Dichter Wang Anshi um eine Reform des Systems und ergänzte den Prüfungskanon um die Fächer Mathematik, Rechts- und Militärwesen. Die Reformversuche stießen auf erbitterten Widerstand, denn die Prüfungen entschieden über Karrieren. Man muss sich das vorstellen: Zu einem Zeitpunkt, als es in unseren Breiten kaum einen Schriftkundigen gab, ermöglichte in China die Kenntnis der klassischen Literatur den Eintritt in die Staatsverwaltung. Der Geburtsadel wurde mit einem Geistesadel konfrontiert.

 

Beim Lesen des Zhuangzi trifft man auf Kapitel, in denen die Person des Konfuzius sehr wohlwollend, dann aber auch Kapitel, in denen Konfuzius abwertend und ironisch behandelt wird.

Das hat editorische Gründe, die mit jener Buchtradition zusammenhängen, die für uns Europäer ungewohnt ist. Wenn ich vorhin sagte, dass der Name des Autors auch für das Werk steht, dann heißt dies zugleich, dass das Werk nicht nur die authentischen Gedanken des Autors beinhaltet, sondern auch die seiner Schüler und die seiner Kritiker. Sie werden zu einem Buch zusammengefasst, im Falle des Zhuangzi auf 33 Schriftrollen. Beim Zhuangzi unterscheidet man Innere, Äußere und Vermischte Kapitel. Bezüglich der ersten sieben sogenannten Inneren Kapitel sagt die Tradition, sie würden von Zhuangzi selbst stammen. Es gibt eine bis heute nicht abgeschlossene Kontroverse, ob diese Kapitel, welche die Kernideen des Werks enthalten, wirklich von ihm stammen. Die sogenannten Äußeren Kapitel 8 bis 22 sollen Zusätze seiner Schüler bzw. Weiterdenker in den unmittelbar nachfolgenden Jahrhunderten gewesen sein. Bei den sogenannten Vermischten Kapiteln 23 bis 33 weiß man nicht genau, wie alt diese Texte sind. Einige sollen jüngeren Datums sein. Das letzte Kapitel beinhaltet sogar eine Einordnung des Buches Zhuangzi in die chinesische Geistesgeschichte. Also, die älteste Rezension des Buches ist im Buch selbst enthalten. In den Vermischten Kapiteln gibt es jedoch auch Texte, die bereits von Sima Qian, also im 2. Jahrhundert v.u.Z., als Teile des Zhuangzi erwähnt werden. Mit dieser Tradition, Schriften der alten Philosophen zu sammeln und zu sortieren, haben die kaiserlichen Schrifthüter ungefähr im ersten Jahrhundert v.u.Z. begonnen. Sie ist unserem westlichen, vom Urheberrecht oder von der Autorschaft geprägten Verständnis der Buchproduktion völlig fremd. Bis ins 2. Jahrhundert u.Z. hinein kursierten ganz verschiedene Ausgaben des Zhuangzi, herausgegeben von verschiedenen kaiserlichen Bibliothekaren, die die aus verschiedenen Quellen stammenden Schriftrollen unterschiedlich zusammengestellt haben. Das alles waren Versuche, das Wissen von und über Zhuangzi nach den Bücherverbrennungen wieder zusammenzutragen. Zu den Herausgebern des Zhuangzi gehörten auch Konfuzianer. Der Name von Zhuangzi war schon damals bekannt als legendäre Figur. Man weiß von ihm, dass er Gärtner war und nur eine unbedeutende Position innehatte, indem er sich bewusst von Ämtern ferngehalten hat, um frei zu sein. Das beeindruckte die nachfolgenden Generationen. Immer wieder gab es Schüler und Adepten des Meisters, die versuchten, auf seiner Welle mitzuschwimmen oder als Zaunkönig noch höher aufzusteigen als der Adler. Zur gleichen Zeit gab es gewiefte Konfuzianer, die Zhuangzi’s erzählerische Strategie auf ihn selbst anwandten: Sie erfanden Anekdoten über ihn, um ihn in den Schatten von Konfuzius zu stellen. Auch diese Passagen finden sich im Buch Zhuangzi.

 

Konfuzius und Laozi sind insofern gegensätzlich, dass der erste zur aktiven Einmischung aufruft, also eine Art politische Philosophie entwickelt, während der zweite (wie auch Zhuangzi) ein Handeln durch Nichthandeln lehrt. Welche philosophischen, religiösen oder gesellschaftlichen Haltungen führten zu diesen entgegengesetzten Zuspitzungen, die man auch im Zhuangzi findet? Der Konfuzianismus soll bis 200 v.u.Z. eine eher untergeordnete Rolle gespielt haben, dann aber sehr dominant geworden sein. Er hatte klare Vorstellungen, wie eine Gesellschaft zu strukturieren sei, um erfolgreich zu sein. Ähnlich wie Platon hatte Konfuzius das Modell eines gut regierten Staates vorgedacht. Kann es sein, dass die Konfuzius ironisierenden Texte im Zhuangzi erst in einer Art Gegenbewegung zum staatstragenden Konfuzianismus in den Zhuangzi Eingang gefunden haben?

Sicher gibt es einige Anekdoten im Zhuangzi, die erst später Eingang gefunden haben.

 

Betrifft dies eher die Äußeren Kapitel? Die sieben Inneren Kapitel sollen ja älteren Datums sein?

So sagt man. Andererseits gibt es auch in den Inneren Kapiteln Einsprengsel, in denen über Zhuangzi gesprochen wird. Es ist kaum vorstellbar, dass Zhuangzi diese Texte verfasst hat. Andere Kapitel, wie die Geschichte vom Räuber Zhi, die man heute auch als eine Kapitalismus-Kritik lesen kann, erscheinen dagegen authentisch. Martin Buber, der sich als einer der ersten deutschsprachigen Philosophen mit dem Zhuangzi (in englischer Übersetzung) beschäftigt hat, vertrat die Auffassung, dass alles Dialogische im Zhuangzi im Unterschied zu den lehrbuchhaften Passagen echt sei. Letztere erschienen ihm hinzugefügt und als Verfälschung. Diese Theorie ist mir sehr sympathisch, denn sie passt zur Philosophie des Zhuangzi: die eigene Natur zu erkennen. Konfuzius prangerte eine Art Kulturverfall an. Er antwortete auf die Kriege und Verwüstungen, die er in seiner Zeit erlebt hat. Seine Glorifizierung der alten Dynastien ist als ein Aufruf zu verstehen, über Geschichtskenntnis, Bildung und Literatur („Buch der Urkunden“, Buch der Lieder“, „Buch der Riten“, „Buch der Wandlungen“, „Frühling-und-Herbst-Annalen“) zu den Werten der frühen chinesischen Kulturzeit zurückzufinden. Dies ist, wenn man es in unsere wert-ethische Sprache übersetzt, ein konservativer bildungs­bürgerlicher Ansatz mit humanistischem Hintergrund. Das hat den Konfuzianismus bis in die Gegenwart – bis hin zu den Kommunisten, die ihn heute erneut hofieren und Konfuzius-Tempel errichten lassen und Konfuzius-Institute in Europa gründen – wirkmächtig bleiben lassen. In der damaligen kriegerischen „Zeit der Streitenden Reiche“ wirkte dies auf intellektuelle Zeitgenossen noch merkwürdig idealistisch und utopisch und wurde als unrealistisch kritisiert. Daher auch diese unterschiedlichen Sichten auf Konfuzius im Zhuangzi. Es gab zwei wichtige Interpreten von Konfuzius, die unmittelbar nach ihm gewirkt haben – Mengzi und Xunzi –, die man sich gegensätzlicher nicht vorstellen kann. Aber beide berufen sich auf Konfuzius. Mengzi (370–290 v.u.Z.) war ein Zeitgenosse von Zhuangzi, beide stammen sogar aus der gleichen Gegend, gar nicht allzu weit entfernt vom Geburtsort des Konfuzius. Mengzi wanderte ebenso als Gelehrter von Hof zu Hof, zuweilen wurden ihm Ämter übertragen. Sein humanistischer Idealismus bereitete die staatstragende Rolle des Konfuzianismus in den späteren Jahrhunderten vor. So vertrat er die Auffassung, dass der Mensch als gutes Wesen auf die Welt komme und erst später, durch die erfahrenen Umstände, böse werde. Bildung und Erziehung haben demnach die Aufgabe, das Gute im Menschen zu bewahren. Sein Gegenspieler Xunzi (298–220 v.u.Z.) sah sich als Realist und behauptete genau das Gegenteil: der Mensch komme schlecht auf die Welt, voller Boshaftigkeit, und die Erziehung habe die Aufgabe, einen kleinen Teil des Guten in ihn zu säen, um das Böse, das im Menschen steckt, und das nie vermieden werden kann, wenigstens zu dämpfen. Xunzi war im Staat Qi eine Art Bildungsminister und legte den Kanon für die ersten Beamtenprüfungen fest. Die Gegensätzlichkeit in der Interpretation des Konfuzius könnte kaum größer sein – die Dominanz des Konfuzianismus in der kaiserliche Staatsordnung hat sie eher befördert als behindert, damit deckte ein breites Spektrum ab...

 

In Ihrem Zhuangzi schreiben Sie im sehr informativen Vortext, dass der Zhuangzi in der chinesischen Kultur eine große Bedeutung erlangt hat und historisch betrachtet in seiner Wirkung etwa mit der Bibel, dem Alten Testament, verglichen wird. Kann man aus den Erzählungen, aus den Dialogen des Zhuangzi, aus den Berichten einen Begleiter durch alle Lebenslagen gewinnen?

Man kann das sicher nicht mit der Bedeutung des Alten Testaments für das Kirchenjahr vergleichen. Stephan Schuhmacher, der die Zhuangzi-Übertragung von Victor Mair aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt hat, behauptet das an einer Stelle und ich kann es gut nachempfinden, allerdings losgelöst von Priestertum und Predigt, wo jeden Sonntag ein Spruch aus der Bibel aufgegriffen wird. Die Predigt hat weder im Buddhismus noch im Daoismus eine Tradition. Hier spielt eher die Versenkung, die Verinnerlichung eine Rolle, die Meditation, die religiöse Praxis. Sie findet im Inneren statt, ohne Worte. Und genau das beschreibt Zhuangzi. Durch den Handel auf der Seidenstraße wurde der Buddhismus ab dem 3. Jahrhundert u.Z. nach China hineingetragen, ist in Indien verkümmert und hat sich in China entfaltet. Die Philosophen und Priester entdeckten zu dieser Zeit im Zhuangzi zahlreiche Anklänge zwischen Buddhismus und Daoismus. Passagen, die Zhuangzi sehr bildhaft beschreibt, z.B. im Eingangskapitel, dieses Motiv des Reitens auf den Wolken über große Entfernungen, wobei man die kleinen Sorgen hinter sich lässt, leicht wird und frei wird, sich dem Grenzenlosen nähert, in das Grenzenlose eindringt. Das ist eigentlich die Beschreibung einer Meditationstechnik und verhält sich wie mit den Wundern Jesu oder der jungfräulichen Geburt, wo jeder weiß: das ist nicht glaubwürdig. So sind auch die Wolkenritte bei Zhuangzi nicht glaubwürdig, aber als Meditation sind sie ganz realistisch. Das kann man träumen oder im Trancezustand erleben. Im Zhuangzi entdeckten die Priester eine weitere Passage, die für den chinesischen Buddhismus äußerst folgenreich wurde: die Rede vom „geistigen Fasten“ (xīn zhāi 心齋). Während der Konfuzianer sagt: ich sitze und büffle, lerne all die Lieder auswendig, sagt der Daoist: ich sitze und vergesse – und dann werde ich leicht und nehme wieder wahr, schärfe meine Wahrnehmung, indem ich mein Gedächtnis befreie.   

 

Bei Konfuzius steht immer im Vordergrund: du sollst dir Bildung aneignen, denn dies ist nützlich, um den Staat zum Wohle aller optimal regieren und bewirtschaften zu können. Bei Laozi und Zhuangzi kommt einem manchmal geradezu eine Bildungsfeindlichkeit entgegen. Es wird sogar gesagt: Zu viel Wissen verdirbt die Menschen.

Man kann das auch missbrauchen.

 

Man könnte den Konfuzianismus auch zur Grundlage eines straffen Regimes machen, was in China wohl auch jahrhundertelang praktiziert worden ist. Das Gegenteil zur Staatsreligion erhoben, wäre eine Perversion.

Diese Gegensätzlichkeit zwischen dem Aktionismus, der im Konfuzianismus steckt – sei aktiv, lerne, tue das Gute –, und dem Passivismus, der im Daoismus hochgehalten wird – tue das Nichtstun –, ist bereits sehr früh, noch vor dem Auftritt des Ersten Kaisers, pervers interpretiert worden. Hanfeizi (280–233 v.u.Z.), ein Schüler von Xunzi, hat den ersten, sehr brillanten Kommentar zum Laozi geschrieben. Darin hat er sich ausführlich mit diesem paradox erscheinenden Prinzip „Tue das Nichtstun“, dem Wei-Wuwei, auseinandergesetzt und kam zu dem Schluss: Der Herrscher kann sich am ehesten zurücklehnen und nichts tun, wenn er eine Diktatur errichtet, in der die Menschen so viel Angst haben, dass sie alles tun, sobald der Herrscher nur mit der Wimper zuckt. Das erreicht er durch die Todesstrafe oder durch Belohnung in Form von Landparzellen für die Köpfe getöteter Feinde. Genau diese Idee hat wenig später der erste Reichseiniger Chinas in die Tat umgesetzt. In der chinesischen Geistesgeschichte ist diese Strömung, die aus einem Kommentar des Buches Laozi heraus entstanden ist, als „Legalismus“ eingegangen: es komme nur auf die strikte Durchsetzung der Gesetze an, nicht auf Moral – eine völlig widersinnige Deutung, aber sehr intelligent und sehr brauchbar für Diktatoren. Der Missbrauch dieser Idee des Wuwei legitimierte Qin Shi Huangdi, die streitenden Fürstentümer Chinas mit besonderer Skrupellosigkeit und Brutalität zu vereinigen. Worte sind nicht nur Worte, sie bewirken etwas. Übrigens endete Hanfeizi durch die Konsequenz seiner eigenen Lehre: Sein früherer Freund Li Si, der spätere Premierminister des Ersten Kaisers und Initiator der Bücherverbrennung, übernahm von Hanfeizi den Legalismus und zwang ihn zum Selbstmord, sobald er ihm „unnütz“ erschien. Zwei Jahrzehnte später zerbrach das geeinte chinesische Reich am Unmut des Volkes gegen das allzu harsche Regime.

[…]

[Gekürzt, das gesamte Interview können Sie in OSTRAGEHEGE 88 lesen.]

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