Axel Helbig

Sprache wird fremd, schon während wir leben

Interview mit Marcel Beyer am 30. Juli 2018 in Dresden

Axel Helbig: Marcel Beyer, Ihr Roman „Kaltenburg“ ist ein Wissenschaftlerroman, zugleich ein Geschichtsroman und ein Dresden-Roman, vor allem aber eine spannende Fiktion. Die Hauptfiguren – Ludwig Kaltenburg, Professor und Institutsleiter, sowie sein Schüler und enger Vertrauter Hermann Funk (zugleich der Erzähler) – sind Ornithologen, der Roman bewegt sich im Umfeld ornithologischen Fachwissens. Sind Sie ein Hobby-Ornithologe oder war die Recherche für diesen Roman für Sie das erste tiefe Eintauchen in die Wissenschaft von den Vögeln?

Ich glaube, mein Interesse für die Vogelwelt ist tatsächlich erst hier in Dresden entstanden, in einer Zeit, die mit dem gegenwärtigen innerstädtischen Bauboom langsam endet, wo es viele Brachen gab, Gelände, die sich selbst überlassen waren. In diesen Hinterlassenschaften der DDR oder noch des Kaiserreichs konnte man inmitten der Zivilisation mit Natur in Kontakt kommen. Ich hätte kein Interesse, in Urwälder zu fahren, um mir Vogelstimmen anzuhören. Mich interessieren die sogenannten Kulturfolger, das Zusammenleben der Tiere mit uns Menschen, das die Tiere ganz selbstverständlich betreiben und das uns selbst manchmal gar nicht so klar ist. Im früheren Atelier meiner Frau in Dresden-Pieschen hatten wir eine Futterstelle für die Vögel eingerichtet, und bald fiel uns auf, daß die Kohlmeisen uns morgens bei unserer Ankunft dort entgegenkamen und durch den Hof begleiteten – eine Aufforderung, Futter nachzulegen. Da ist mir klar geworden: sie beobachten uns ja die ganze Zeit, die haben uns immer im Blick. Dies war für mich der Anfang einer Kommunikation. Als Schriftsteller fragt man sich dann, warum kommen die Vögel im Gegensatz zu uns so gut zurecht in dieser Welt, ohne sich dabei der Sprache zu bedienen. Ist das jetzt wirklich ein evolutionärer Fortschritt, daß wir als Menschen über Sprache verfügen, oder sind wir es, die Krücken brauchen, um uns in der Welt und im sozialen Miteinander in der Gesellschaft zurechtzufinden? Dieses Nachdenken hat für mich immer auch etwas Poetologisches, ist Nachdenken über Ausdrucksmittel und Verhaltensmöglichkeiten.

Es gab einen Moment, der wirklich sehr entscheidend war, die Dresdner Museumsnacht 2001, die von starkem Regen begleitet war. Trotz des Regens wollten wir spät am Abend dann doch noch etwas anschauen. So fuhren wir nach Klotzsche hinaus, wo die Naturkundlichen Sammlungen untergebracht sind. Jeder Kustos hatte etwas Interessantes aus seinem Fachgebiet vorbereitet, um den Besuchern seine Arbeitswelt, aber eben auch sein Erkenntnisinteresse, seinen Forscherdrang zu veranschaulichen. Dr. Siegfried Eck, der Kustos der Ornithologischen Sammlung, hatte sich entschieden, anhand einer ganzen Reihe von Stieglitzen, also Stieglitzbälgen, darzustellen, wie problematisch der Begriff der „Art“ im Biologiebuch-Sinne ist, sobald man tatsächlich in die Natur schaut. Die vor uns ausgebreiteten Präparate waren Stieglitze, die an der polnischen Grenze vom Zoll kassiert worden waren. Sie hätten aus Osteuropa über Deutschland nach Belgien transportiert werden sollen, um in Brüssel im Kochtopf zu landen. Jene Vögel, die bereits verendet waren, übergab der Zoll der Ornithologischen Sammlung in Dresden. Damit verwandelte sich von der menschlichen Gesellschaft produzierter Sondermüll in Forschungsobjekte. Ein irrer Vorgang.

In dieser halben Stunde hat uns Dr. Eck die ganze Dimension des Ornithologen-Berufes aufgezeigt. Mit den auf den Arbeitstischen ausgebreiteten Vogelbälgen öffnet sich für einen Wissenschaftler eine ganze Welt. Da habe ich auf einmal eine Parallele gesehen zu meiner eigenen Arbeit. Ich lebe in einem engen Zirkel mit sechsundzwanzig Buchstaben, umgeben von Büchern und Zeitungen, und habe die Möglichkeit, schreibend weit in die Welt hinaus zu reichen.

Unser Biologiebuch-Wissen besagt: Hier bei uns in Westeuropa lebt der Stieglitz, und dort, weit im Osten, in den asiatischen Raum hinein, lebt der Graustieglitz. Indem Dr. Eck die offenbar aus einem großen Gebiet zusammengetragenen Exemplare begutachtete und immer wieder vor sich auf dem Tisch umgruppierte, konnte er anhand ihrer äußeren Merkmale nachvollziehen, daß nicht hier der eine und dort mit einem Mal der andere Vogel im Strauch hockt, sondern daß es sich um eine Folge gradueller Veränderungen handelt. Größe und Gefiederzeichnung wandeln sich in kleinsten Schritten – dieses Exemplar ist ein paar Millimeter größer als das andere, jenes eine Spur grauer. Und alles ist potentiell ständig in Veränderung begriffen, sofern nicht natürliche Barrieren wie unüberwindliche Berge oder Wasserflächen für kategorische Artgrenzen sorgen. Ein sehr dynamisches Bild von der Natur, das kaum mehr etwas mit den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts gemein hat, in dem alles in der Welt seinen Platz zugewiesen bekam, alles kategorisiert und katalogisiert wurde.

Ästhetik, aber eben nicht im überhöhenden, kulturbeflissenen Sinne, spielt dabei eine große Rolle: der genaue Blick, die Empfänglichkeit für den Variantenreichtum, also die Schönheit natürlicher Phänomene, das Sensorium für minimale Unterschiede. So, wie sich der Beruf des Ornithologen in der Person von Dr. Eck darstellte, gab es von vornherein eine Menge verwandtschaftliche Merkmale, was die Arbeit als Künstler, als Schriftsteller angeht. Die Herausbildung ähnlicher Fähigkeiten, wenn auch von verschiedenen Interessen geleitet: der eine möchte Arten bestimmen und reflektiert dabei den Artbegriff selbst, der andere möchte Gedichte schreiben und reflektiert dabei die Frage, was ein Gedicht sei.

So habe ich den Beruf für die Erzählerfigur meines Romans gefunden, noch ohne eine nähere Vorstellung von diesem nächsten Roman zu haben. Für mich ist es immer wichtig, daß der Erzähler einen Beruf hat, daß er einer Leidenschaft nachgeht, denn dies prägt die Perspektive auf die Welt. Da habe ich ganz spontan entschieden: der Erzähler meines nächsten Romans soll Ornithologe sein. In dem Moment habe ich gar nicht geahnt, was ich mir damit aufgehalst hatte. Es sollte eine Ornithologen-Figur sein, die auch dem Blick des Fachmanns standhält. Dr. Eck hat mir in einem später geführten Gespräch viele die Arbeitswelt des Ornithologen betreffende Hinweise gegeben und Einblicke vermittelt, auch, was die Bedingungen in einer politisch geteilten Welt angeht, um deren Grenzziehungen sich die Tier- und Pflanzenwelt natürlich nur bedingt schert. Diese Perspektive einer per se internationalen Wissenschaft hat mir außerdem hervorragende Bedingungen geliefert, um den ganzen kleingeistigen DDR-Mief, diese in den Augen der Westleser so wohlig-gruselige Enge außen vor zu lassen. Der Zoologe ist immer Kosmopolit, selbst wenn er sein Leben darauf verwenden sollte, den Garten hinter seinem Haus zu studieren.

 

Die Romankonstellation gestattet eine behutsame Einführung des Lesers in die Welt der Ornithologie, da der Erzähler von einer wissensdurstigen Interviewerin befragt wird, was wiederum Erinnerungen auslöst und zu inneren Monologen führt. Hatten Sie das Romanprojekt bereits vor der Dresdner Museumsnacht grob strukturiert?

Den Roman habe ich erst im wahnsinnig heißen Sommer 2003 in Angriff genommen. Es war so heiß, daß man sich eh nicht bewegen konnte, also konnte man auch am Tisch sitzenbleiben und schreiben. Innerhalb von zwei Monaten sind damals hundertsechzig Seiten entstanden, ein Rausch. Doch am Anfang standen nicht Figuren oder ein Stoff, am Anfang stand eine Erzählkonstellation. Während eines Besuchs in Barcelona war mir in einem nicht touristisch geprägten Restaurant ein älterer Herr aufgefallen, der – das sah man auf den ersten Blick, an seinem Auftreten, an seiner Körperhaltung – in seinem Leben offenbar einmal etwas dargestellt hatte, als Militär vielleicht oder als Politiker. Der Kellner widmete sich ihm auf eine besondere, auffällige Weise. Da habe ich gedacht, das ist eine interessante Konstellation: Die kennen sich aus einem ganz anderen Leben, offenbar war der Kellner bereits in einer früherer Lebensphase einmal ein loyaler Vertrauter dieses Herren. Um etwas über einen solchen Herrn zu erfahren, sollte man vielleicht nicht ihn direkt befragen, es könnte viel aufschlußreicher sein, seinen Vertrauten um Auskunft zu bitten. Diese Figur, die im Schatten steht, macht ganz andere Erfahrungen, schaut aus einer anderen Perspektive, immer vom Rand her, und kann Dinge erzählen, die die eigentliche Hauptfigur gar nicht erzählen kann, weil die Selbstwahrnehmung, weil der Wunsch nach Selbstdarstellung einen Filter bildet.

Mit dieser Erzählkonstellation im Kopf wandte ich mich einer Figurengruppe zu, die ich schon einmal in den Blick genommen hatte, in dem Gedicht „Der westdeutsche Tierfilm“ in meinem Band „Erdkunde“: der Freundschaft zwischen dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz, dem Tierfilmer Heinz Sielmann und dem Künstler Joseph Beuys. Drei Figuren auch des öffentlichen Lebens, die meine Kindheit begleitet haben, ohne daß ich seinerzeit von ihrer Verbindung wußte. Unter dem Namen Ludwig Kaltenburg wurde also Konrad Lorenz, diese schillernde, charismatische Person, zu meiner Hauptfigur, über die aus der Randperspektive eines „loyalen Vertrauten“ erzählt wird.

 

Konrad Lorenz wurde so zum Vorbild für Ludwig Kaltenburg. Auch Heinz Sielmann, der große deutsche Tierfilmer, und Joseph Beuys, in den 70er und 80er Jahren einer der wirkungsmächtigsten deutschen Künstler, werden Figuren im Roman. Interessant ist, daß diese drei Personen möglicherweise bereits in den 40er Jahren in der Stadt Posen einen ersten Berührungspunkt haben. Im Roman wird das in Buldern (Westfalen) von der Max-Planck-Gesellschaft für Konrad Lorenz eingerichtete Institut für Verhaltensphysiologie nach Dresden in die frühe DDR verlegt, auf den Oberloschwitzer Elbhang. Ganz nach dem Muster des Von-Ardenne-Instituts auf dem benachbarten Elbhang. Was war der Beweggrund, das Institut von Ludwig Kaltenburg in Dresden anzusiedeln?

Ich wußte, daß mein Erzähler in Dresden lebt, daß er die gesamte DDR erlebt hat, daß er ein Leben vor der DDR hat, als Kind, und auch ein Leben nach der DDR, in der Nachwendezeit. Ich hatte zunächst nur diese eine Figur als fiktive Position gesehen und habe etwa ein Jahr lang zu sehr an den Biographien von Lorenz, Sielmann und Beuys in ihrem zeitgeschichtlichen Rahmen geklebt. Bei dieser Konstellation – aus der Stadt Dresden heraus erzählt jemand die Geschichte der Freundschaft dreier West-Figuren, mußte ich immer wahnwitzigere Szenen erfinden, je länger die DDR existierte, damit mein Erzähler überhaupt mit seinen Freunden in Kontakt treten und dem Leser als „loyaler Vertrauter“ erzählen kann. So hatte ich zum Beispiel für das Jahr 1973 genauestens eine Begegnung in Budapest konzipiert, damit mein Erzähler in die Lage gerät, Vertrauliches zu berichten.

Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich mir sagen konnte: Ich will ja gar nicht über Konrad Lorenz und Heinz Sielmann schreiben, was gute Biographen viel besser können, sondern mich interessiert diese merkwürdige Konstellation, daß mit meinem an Konrad Lorenz angelehnten Ludwig Kaltenburg jemand genialisch alles hinzukriegen scheint, weil ihm alle Möglichkeiten eröffnet werden, der, wie von Ardenne, mitten in Dresden einen de facto großbürgerlichen Haushalt führt, eine Welt wie im 19. Jahrhundert mitten im Sozialismus. Ein Leben in der DDR, wie es zu West-Klischees vom Leben in der DDR nicht paßt. Kaltenburg scheint nur mit dem Finger zu schnippen und schon ist alles so, wie er es sich wünscht. Sein Schüler steht neben ihm und fragt sich: Wow, wie hat er das jetzt wieder gemacht.

Mit dieser Konstellation ist eine Faszination da, in der man sich gar nicht fragt, ob derjenige Kompromisse eingehen mußte, ob und welche Opportunität erforderlich war, um ans Ziel zu kommen. Kaltenburg spielt natürlich auch dem Schüler etwas vor. Aber dazu brauchte ich meinen Kaltenburg hier in Dresden. Er mußte in Bezug auf den Erzähler tatsächlich an die Elternstelle treten, sonst wäre die Bindung nicht so eng geworden. So habe ich das Institut von Konrad Lorenz aus dem Münsterland nach Dresden verpflanzt, und damit erst wurde mein Ludwig Kaltenburg zu seinem Hausherrn, der es nach seinen eigenen Vorstellungen führt. Ohne diese Entscheidung hätte ich das Romanprojekt wahrscheinlich irgendwann aufgegeben – der historische Druck hat die Geschichte unter Spannung gehalten. Mit einer „Fernbeziehung“ zwischen meinem Erzähler Hermann Funk und Ludwig Kaltenburg wäre die ganze Sache wohl mit der Zeit eher in Form einer Brieffreundschaft ausgetröpfelt.

 

Haben Sie über das Institut in Buldern Recherchen angestellt?

Ja, das habe ich, auch hinsichtlich der späteren Wirkungsstätte von Konrad Lorenz in Seewiesen. Es ging mir dabei aber eher um Stimmungstechnisches. Denn näher betrachtet handelt es sich doch um ein sehr eigenartiges Biotop: Auf der einen Seite laufen Arbeiten und Zusammenleben mit Menschen und Tieren sehr kollegial ab, herrscht ein Klima, in dem auf den ganzen Apparat bürgerlicher Konventionen gepfiffen wird – die Tiere halten sich ja eh nicht daran. Auf der anderen Seite wird in diesem Klima die Bindung an den Chef ja nicht schwächer, sondern im Gegenteil stärker. Auch hier kommt wieder die Loyalität ins Spiel, man einigt sich auf eine gemeinsame Lebens- und Arbeitsform, und damit unterwirft man sich. Über Wohl und Wehe entscheidet am Ende immer der Wissenschaftler mit der größten Erfahrung, also der Institutsleiter. Und da die Verhaltensregeln untereinander immer im Abgleich mit den Verhaltensregeln im Umgang mit den Tieren definiert werden, entsteht eine Struktur permanenter gegenseitiger Beobachtung. Man beobachtet einander dabei, wie man die Tiere beobachtet.

Als Mitarbeiter wird man sich zweimal überlegen, ob man in solchen Strukturen Oppositionsgeist an den Tag legt. Man hat vor Augen, daß man unter paradiesischen Bedingungen arbeitet, unter Bedingungen, wie sie sonst nirgends auf der Welt herrschen, im Bannkreis eines Wissenschaftlers, dessen Herangehensweise an die Zoologie etwas Revolutionäres hat. Die Vorstellung, aus diesem Paradies vertrieben zu werden und zum Beispiel zurück an die Universität zu gehen, sich wieder bürgerlichen und wissenschaftlichen Konventionen zu unterwerfen, kann da nicht besonders verlockend wirken.

Eine Figur wie Konrad Lorenz erscheint viel magnetischer als ein Hochschulprofessor, der sich im Korsett der vorgegebenen akademischen Strukturen bewegt. Ein Flair von Partisanentum, von Anarchie, zumal sich die soziale Bindung der Menschen am Institut an der engen Bindung orientiert, die man mit den Tieren eingegangen ist. Der soziale Zusammenhalt überspringt so die Artgrenzen. Fast ein Geheimbund, ein Kreis von Eingeweihten, was auch in der Außendarstellung deutlich wird. Man kennt die vielen Fotos und Filme, wo Konrad Lorenz mit seinen Gänsen und Enten gemeinsam im Fluß schwimmt. Diese Selbstdarstellung ist schon ungewöhnlich für einen erfolgreichen Wissenschaftler, der zudem noch Nobelpreisträger ist. Was man nicht kennt, sind die Bilder, auf denen die Institutsmitarbeiter nackt auf dem Institutsgelände herumlaufen. Für die offiziellen Fotos hat man sich in dieser hochseriösen Forschungsanstalt stets etwas übergezogen.

 

Wie sind Sie der Gefahr begegnet, den Leser des Romans durch zu viel ornithologisches Fachwissen zu erdrücken?

Das mußte ich im Blick behalten, ich wollte ja kein Sachbuch schreiben. Auf der einen Seite: jenes ornithologische Fachwissen, das die Perspektive meines Erzählers auf die Welt prägt. Alles, was darüber hinausgehen würde, findet in meinem Roman nicht statt. Auf der anderen Seite: alles, was als sprachliches Material interessant ist, kann potentiell Eingang in den Roman finden – aufgrund seiner poetischen Qualität.

Ein wenig anders war es bei Hintergrundwissen zur DDR und speziell zu Dresden. Der Westleser – und der Großteil der Leser wurde eben in Westdeutschland sozialisiert – weiß ja so gut wie nichts, das heißt: Er guckt Fernsehen, und da sieht er dann bloß spärlich gefüllte Regale im „Konsum“ oder finster dreinblickende Offiziere des MfS, oder es fährt eben mal ein Trabant durchs Bild. Der ganze blöde DDR-Kitsch eben. Es hätte nun eine Versuchung darstellen können, jene anderen Kenntnisse, die ich seit Mitte der neunziger Jahre hier in Dresden aus Gesprächen, aus der durch diese Gespräche sensibilisierten Lektüre und so weiter gewonnen habe, im Roman auszubreiten. Davor hat mich aber die strikte Konzentration auf den Wahrnehmungshorizont meiner Figuren bewahrt. Mit dem lästigen Alltag, mit den lästigen, nervenzehrenden Auseinandersetzungen auf dem alltagspolitischen Feld wollen sie entschieden nicht behelligt werden, darum haben sie sich ja mit dem Institut von Ludwig Kaltenburg ihr Paradies geschaffen.

Wo ich im Roman zeitgeschichtliche Zusammenhänge deutlich machen will, die eine Auswirkung auf das Leben meiner Figuren haben, die etwa ihre Welt in Erschütterungen versetzen, setze ich dann gerne auf das zeithistorische Wissen der Leser: Wenn mein Erzähler erstmals nach Wien fährt, um dort das Naturhistorische Museum zu besuchen, kann sich der Leser sagen: Aha, jetzt darf er reisen, also befinden wir uns in der Zeit nach 1989.

 

Im Roman hat neben der Institutskonstellation in Dresden auch der bürgerlich-intellektuell geprägte Freundeskreis der Familie Hagemann eine wichtige Funktion. Sind Sie in Ihren Recherchen auf solche Kreise in Dresden gestoßen?

Nein, nicht im Rahmen meiner Recherchen, sondern unmittelbar nach meiner Ankunft in Dresden. Das Milieu der Künstler, die jenseits des DDR-Kunstbetriebs arbeiteten, und mit ihnen jene Dresdner, die diese inoffiziellen Kreise immer unterstützt haben. Von meinem Schulwissen über die DDR habe ich mich gewissermaßen am ersten Tag verabschieden dürfen. So wuchs sich über die Jahre ein Vorrat an, aus dem ich später beim Schreiben schöpfen konnte. Nicht nur Sachkenntnisse, sondern auch eine Sensibilität dafür, wie bestimmte Redeweisen einzuordnen sind, in bestimmten Situationen, und wie Menschen Dinge erzählen, je nachdem, ob ihr Gegenüber nun ein Wessi oder ein Ossi ist, ob man also davon ausgeht, daß man über einen gemeinsamen Erfahrungsschatz verfügt oder nicht. Vieles davon läßt sich ja kaum verbalisieren. Man lernt, auf die kleinen, spöttischen Bemerkungen zu achten, und auch auf das kleine, verächtliche Schweigen, wenn jemand das Lob der Hochkultur anstimmt, man aber spürt, er setzt im Grunde nur dazu an, diese Hochkultur politisch in den Dienst zu nehmen. Die Sensibilität dafür kann man sich nur in gesellschaftlichen Kreisen antrainieren, die jede Indienstnahme der Kunst als verachtenswert betrachten, weil Kunst einen Eigenwert darstellt. In solche Konstellationen wollte ich meinen Erzähler einbinden.

 

Nicht selten findet im Roman gerade über diese Konstellation die zeitgeschichtliche Anbindung statt – der Tod Stalins 1953, die Reaktion auf politische Ereignisse in der DDR, zum Beispiel die Reaktion auf Festumzüge, die in der DDR inszeniert worden waren. Berichtet wird über einen Wagen mit KZ-Häftlingen, der aus einem solchen Festumzug heraus schockierte.

Die abstrusesten Dinge, die in meinen Büchern auftauchen, sind meist die realen. In einer Ausgabe der „Dresdner Hefte“ hatte ich gelesen, daß 1956, anläßlich der 750-Jahrfeier Dresdens, im Festumzug nicht nur die Fahnen schwenkenden Werktätigen vorbeizogen, nicht nur August der Starke und Gräfin Cosel, sondern auch ein Wagen mit als KZ-Häftlingen verkleideten Studenten präsentiert wurde. So etwas erfindet man nicht. Das wäre geschmacklos gewesen. Ich ging in die Fotothek, um eine Abbildung dieses Wagens zu suchen, ich arbeite einfach gerne nach Fotos, doch habe ich in den Nachlässen der Pressefotografen, die 1956 den Umzug dokumentiert haben, keine Abbildung finden können.

Ob der Wagen nur geplant war und letztlich nicht ausgeführt wurde, kann ich nach meiner Recherche nicht sagen. Möglicherweise existierten Fotos von diesem Wagen, die jedoch später aussortiert wurden, weil sie nicht mehr opportun waren, dem Bild nicht mehr entsprachen, das die DDR von sich selber entwarf. Ich geriet also in Zweifel, doch dann entschied ich: Nein, schon die Tatsache, daß im Festkomitee über einen solchen Wagen laut nachgedacht wurde, genügt, um ein Gespür dafür zu bekommen, wie damals mit der erst kurz zurückliegenden Geschichte des Nationalsozialismus umgegangen worden ist. Wir haben heute mitunter den Eindruck, als läge der Nationalsozialismus hundert Jahre zurück. Aber noch 1965 hat es in Düsseldorf auf den Rheinwiesen Bücherverbrennungen gegeben. Da mußte man diesen nahezu naiv herangehenden radikal-evangelischen Jugendlichen, die „Schundliteratur“ verbrannten, sagen: Hört mal, Bücherverbrennungen, das hatten wir schon einmal, das ist keine so gute Idee. Nach der sogenannten „Stunde Null“ hatte sich kein historisches Bewußtsein entwickelt. Das war im Westen eine Tabula-rasa-Situation, ab der „Stunde Null“ begann die Geschichte neu. Die Idee des KZ-Wagens war vermutlich ebenso naiv: Man wollte eben keine Epoche der Dresdner Geschichte auslassen.

 

Nicht nur in der Sowjetunion, auch in der DDR wurde immer sehr aktiv am Geschichtsbild gearbeitet. Heute ist zum Beispiel kaum noch etwas über den Antisemitismus der 50er Jahre bekannt. In Ihrem Roman wird dies am Fall Paul Merker thematisiert.

Der Antisemitismus in der DDR zu Beginn der fünfziger Jahre ist ein Dreh- und Angelpunkt des Romans. Als Jugendliche begreift die Frau des Erzählers, Klara Hagemann, daß sich genau an diesem Punkt vom ersten Tag der DDR an die Fäulnis verbirgt, daß nämlich mit dem Prinzip, alles auf das sogenannte Klassenbewußtsein auszurichten, der fanatisch ausgelebte Rassismus zum blinden Fleck wird: Du bist jetzt kein Jude mehr, du bist jetzt ein sozialistischer Bürger. Damit werden allerdings in einer umgekehrten Bewegung zugleich alle Antisemiten „begnadigt“. Und als kleinbürgerlicher Antisemitismus existiert der Rassismus, ohne daß er reflektiert oder gar durchgearbeitet werden müßte, weiter, gewissermaßen als kleines Störgeräusch, das im großen sozialistischen Rauschen untergehen soll. Hier entwickelt Klara Hagemann früh ein Sensorium, und so ist auch ihr Mißtrauen gegenüber Ludwig Kaltenburg zu erklären, der seine Haltung im Nationalsozialismus geschickt zu verschleiern versteht. Klara ist es auch, die im Blick zurück darauf hinweist, daß doch allein schon die Schikane, Juden das Halten von Haustieren zu verbieten, zeigt, wie verroht die Gesellschaft in Deutschland in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre bereits war. Daraufhin erinnert sich Hermann Funk an ein Bild aus seiner Kindheit: sein Vater nahm von überall her Haustiere auf, auch kranke Tiere. Funk fragt sich, ob dies womöglich genau jene Tiere waren, die die jüdischen Freunde seiner Eltern abgeben mußten, ob seine Eltern also in gewisser Weise ein symbolisches Asyl gewährt haben. Als Hermann Funk sich einmal, in kindlicher Naivität, stolz gezeigt hat, keine Jude zu sein und darum in Dresden die Brühlsche Terrasse betreten zu dürfen, hätte ihm seine Mutter beinahe eine Ohrfeige gegeben.

 

An einer Stelle des Romans wird erwähnt, daß die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts nach dem Mauerbau 1961 aus der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft auszutreten hatten.

Anhand solcher Entdeckungen, die mich staunen machten, wurde mir klar, wie wenig ich im Grunde über die Zeit der zwei deutschen Staaten wußte. Ich hatte bis dahin gedacht, der Mauerbau sei so etwas wie die zwar völlige, mehr noch aber symbolische Zementierung einer ohnehin schon längst auf allen Gebieten vollzogenen Trennung gewesen. Aber erst mit dem Mauerbau im August 1961 wurde es unmöglich, zumindest so zu tun, als sei die Wissenschaft, zumal eine, deren Feld die gesamte Evolution umfaßt, über den Kalten Krieg erhaben. Erwin Stresemann, damals Präsident der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft und im Übrigen hier in meinem Viertel, in Dresden-Strehlen aufgewachsen, war es unmöglich, an seinen Arbeitsplatz zu gelangen: Er wohnte in Westberlin, doch das Naturkundemuseum liegt natürlich im Ostteil der Stadt. Alles, was bis 1961 an praktischer, geistiger Verbundenheit praktiziert worden war, jenseits der gegenseitigen politischen Abschottung, kam damit erst einmal an ein Ende.

[Gekürzt, das gesamte Interview mit Marcel Beyer können Sie in OSTRAGEHEGE 90 lesen.]

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