Heinz Weißflog

Zu den Bildern von Antje Menzel

Antje Menzel ist mit fünf Geschwistern in einer familiären Umgebung aufgewachsen, in der mit künstlerischen Illustrationen ausgestattete Bücher keine Seltenheit, sondern etwas Selbstverständliches waren. Die Eltern sammelten antiquarische Bücher, die Kinder durften diese Schätze in die Hand nehmen. Das war die erste Berührung mit Kunst. Die Hinwendung zu Kunst und Literatur wurde für Antje Menzel von da an eine sich verstärkende Option.

In ihrer Atelierwohnung im vorwinterlichen Freital duftet es nach Weihrauch. Auf einem niedrigen Grafikschrank liegen Entwürfe, an denen sie arbeitet - Fotocollagen - eine Technik, die sie gerade für sich entdeckt hat. An den Wänden hängen die ihr liebsten Arbeiten, immer in Sichtweite, um sie kritisch im Blick zu behalten. Antje Menzel ist mit ihrer Kunst auf Suche und Entdeckungsreise. Ihr Werk umfasst noch keine riesigen Bestände, aber ihr Talent ist vielversprechend. Seit zehn Jahren arbeitet sie intensiv. Dabei hat sie vor allem Grafik und Collage für sich entdeckt. Kunstarbeit ist für sie ein Privileg, eine besonders innige, geistig-emotionale Verbindung mit der Welt, bei der man sich selbst besser verstehen und kennenlernen kann. Ihre schöpferische Auseinandersetzung beinhaltet vor allem Mythen und Märchen, aber auch dem Alltag entlehnte, poetische Momente, Gelesenes, Begegnungen, Visionen und Erlebnisse, die sie dem Betrachter nahebringt und diesen in ihre Welt einlädt.

Die Idee für eine Arbeit nimmt erst beim Tun Gestalt an, vieles Unwägbare gerät schließlich zunehmend gesteuert in den Arbeitsfluss. Das Collagieren fördert das meditative Moment. Immer wieder sucht sie für die Versatzstücke die besten Konstellationen. Komposition ist ihre große Stärke, die sie durch das probierende Legen schult, was ihr auch in der Grafik zugutekommt. In die Farbcollage bezieht sie, ähnlich wie in der Mischtechnik, verschiedene Techniken ein. Auch eine malerische Behandlung verfeinert das Ganze. Dabei zeichnet sie unter anderem mit Tusche auf Pergamentpapier und zerschneidet danach das Entstandene. Besondere Erlebnisse werden erinnert, wie in „Schlössernacht“ ein Karnevals-Abend im Schloss Freital-Burgk mit seinen Masken einer inszenierten venezianischen Nacht. Ihre „Snegoratschka“ (Mischtechnik auf Karton) stellt ein tanzendes Mädchen in anmutigen Bewegungen dar, während „Irrfahrt“ (Farbcollage) Ahnungen an einen bekannten Mythos verbreitet: Ein altes Segelschiff, das die Argonauten durch Skylla und Charybdis bugsiert, vom roten Mond beschienen inmitten einer bergigen Insellandschaft. „Schlussakkord“ ist eine kunterbunte, wie zu Ornamenten gefügte, zirzensische, aus Akrobaten bestehende Figuration, während „Dame mit dem Hündchen“ auf originelle Weise Weltliteratur thematisiert.

Während eines Studiums an der Hamburger Akademie für Fernstudien und eines zweijährigen Studiums an der Sabel Akademie in Freital legte sie den Grundstein für ihr Handwerk als Künstlerin (Ausbildung in den Grundlagen des Zeichnens und der Fotografie sowie in den graphischen Techniken).

Ihre Fotocollagen entstehen aus eigenen Schwarz-Weiß-Fotografien. Sie zerschneidet dabei das vorher vergrößerte Foto und lässt sich von den unwillkürlichen Strukturen auf ihm anregen. Viele einzelne aus mehreren Fotos herausgearbeitete Elemente und Strukturen legt sie als eine Art Skizze auf Papier, endlich geklebt, bilden sie die fertige Arbeit. Das ursprüngliche Motiv des Fotos spielt dabei kaum eine Rolle und bestimmt nicht den Inhalt. Mittelpunkt dieser Collagen sind die Erzählungen der griechisch-römischen Mythologie (darunter „Leda mit dem Schwan“, „Medusa“), deren Themen sie gegenwärtig intensiv beschäftigen. Die luftig-klaren Kompositionen betonen vor allem ein edles Hell und Dunkel auf eine surreal-fantastische Weise, ähnlich Märchenbildern. "Fünf Katzen und ein Mond", eine allegorische Nachtszene, betört durch eine faszinierend realisierte Komposition, die man mit Worten kaum wiedergeben kann.

„Starke Impulsgeber waren und sind Susanne Voigt und Hermann Naumann, die ich beide als Künstler und Menschen sehr schätze und bewundere“, sagt Antje Menzel. Die erst kürzlich verstorbene Malerin und Bildhauerin Susanne Voigt aus Dresden-Plauen wurde zur ersten künstlerischen Beraterin und Kritikerin, schaute sich die Arbeiten der Jüngeren an und erkannte in diesen die Möglichkeit, etwas Eigenes, etwas Gültiges zu schaffen. Sie drängte sie in Voraussetzungen der künstlerischen Selbstfindung, forderte von ihr die „abstrakte Leichtigkeit der Linie“, lehrte sie den „freien und lockeren Strich ohne Inhalt“, ein „freies Zeichnen ohne Angst vorm Strich“ und dazu noch ein tieferes Hineinblicken in die Natur, den Lehrmeister in Struktur und Formensprache („Gibt es etwas Schöneres als Bäume zu umarmen?“). Diese Begegnung war für Antje Menzel entscheidend. Insbesondere Susanne Voigts farbige Arbeiten hatten großen Einfluss auf sie. Beeindruckt war sie aber auch von der einfachen, fast dürftigen Lebensweise Susanne Voigts, die ganz für ihre Kunst lebte.

Der heute 88-jährige Maler, Grafiker, Bildhauer und Buchkünstler Hermann Naumann hat Antje Menzel wie eine Tochter als Meisterschülerin aufgenommen und ihr u. a. die seltene Kunst des Punzenstichs nahegebracht, eine heute nahezu ausgestorbene, seit dem 15. Jahrhundert in Holland (u.a. von Rembrandt) angewandte Tiefdrucktechnik, die von Naumann wiederbelebt und zu hoher Kunst geführt worden ist. Die bildliche Darstellung ergibt sich dabei nicht aus Linien und Flächen, sondern einzig aus Punkten in unterschiedlicher Stärke und Dichte, die sich zu einem Raster fügen. Für den Punzenstich werden in die Druckplatte, die meistens aus einer stark polierten Kupferplatte besteht, oft mehr als tausend punktartige Vertiefungen eingeschlagen, die unterschiedliche Helligkeitswerte ergeben. „Das durch den Punzenschlag verdrängte Kupfer“, sagt Hermann Naumann, „bildet einen kleinen Krater viele dieser Krater ergeben eine Rauigkeit daher zählen Punzenstiche zu den Raudrucken. Das Werkzeug ist also denkbar einfach, aber der Punkt als grafisches Grundelement bietet eine große Vielfalt der Wirkungsmöglichkeiten“. Für die Bearbeitung einer Kupferplatte braucht sie drei Wochen täglich intensiver Arbeit. „Der Punzenstich hat meine Leidenschaft geweckt, dort kann ich all meine gedachten und gesehenen Strukturen punktieren, auch wenn ich noch mit der starren Platte kämpfen muss, sie ist noch nicht ,der gute Freund', mit welchem man frei und ungezwungen spricht. Doch auf diesen Moment freue ich mich wirklich sehr und arbeite darauf hin, das ist mein Anspruch“, sagt Antje Menzel. Der Punzenstich zwingt zu einer vollkommen anderen Arbeitsweise. Er verbietet scheinbar all das, was sie von Susanne Voigt mit auf den Weg bekommen hat. Der künstlerische Schaffensprozess besteht in der handwerklichen Umsetzung einer sehr klaren Vorstellung des angestrebten Bildes. Dieses Arbeiten verlangt sehr viel Disziplin. Die Freiheit der Zeichnung, wie sie auf den Punzenstichen von Hermann Naumann sichtbar wird, ist das Ergebnis eines lebenslangen Lernprozesses. Der aber wurde begonnen.

[www.kunst.ag/antje.menzel

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