Róža Domašcyna

Die sichere stelle

 

unsicher auf gartenstühlen rücken wir

uns die sichtachse zurecht auf den sich neigenden

tag: wie der abend sich hinbiegt ins gesträuch

behausungen baut aus dem dunkel 

jede höhle eine verheißung wir haben

sie als kinder erkundet mit nase fingern mund

in besitz genommen hinter dem gartenkeller

wo die großmutter kartoffeln hortete

eingewecktes äpfel schnaps für den notfall

sie wusste es noch dort muss sie doch sein

die sichere stelle

knack das türschloss sag ich im dunkeln

legst du die hand auf den hügel

weder tür noch riegel alles verschütt –

klopf an –

aus dem erdleib kein echo 

oder sind wir es die wahrzunehmen aufhörten

überm getöse auf der oberfläche abstumpften

und erst gegen abend dazu kommen aufzuhorchen

uns zu erinnern an das wichtige das herkommen

an uns den hergang der dämmerung in der wir

uns auskannten in zuflüchten geborgen mit allem

versorgt

 

 

 

Nach den minnesang-übersetzungen

 

weiß dich gewiss wie einen greif

oder das ei im nest der baumkrone

wie den wind der jeden tag um elf

an der hausecke entlangfaucht

 

gar sehr bist du mir gewiss dass das flattern

der schritte bei deiner ankunft sich verflüchtigte

wie das salz aus dem märchen über die liebe

gewiss wie die schaukel die nach dem absprung

nachschwingt ihr sitzholz mir in den steiß schlägt

 

seh uns als alte sänger durch die lande ziehen:

gedichte im bauchladen bettelnd um ein glas roten

so weiß ich dich gewiss, liebster

und das sollte genügen wie das kommen

und gehen ineins sich gefügt hat

dass wir nicht mehr wissen ohne eines unsereins

ob der hingang schein oder sein ist oder war

 

 

 

Im zwischendeck

 

über meinem kopf im hohlraum

zwischen den holzpaneelen spielt

ein eichhörnchen nachts mit den nüssen

seines wintervorrats ich habe viel

zeit mich zu fragen welche

ist aus dem märchen

 

 

Bevor sie sich das letzte mal

 

verabschiedete saß sie im bett

die laken waren weiß dufteten frisch

 

sie lächelte als ich ins zimmer trat

gab mir die hand wie sonst niemals

sieh sie dir an sagte ich und schob

meine tochter näher ans bett

sie fasste nach der hand des kindes

fuhr mit dem zeigefinger

den konturen nach

dabei sah sie mich an

die augen lächelten immer noch du

weißt doch wer ich bin fragte ich zaghaft

freilich weiß ich ihre worte knisterten

pergamenten ich wagte nicht

daran zu rühren schließlich ging ich

 

in der tür rief sie kind komm zurück

es ließ meine hand los

kehrte um und schloss die tür

bist zurück nach so vielen jahren

hörte ich drinnen ihre klare stimme

 

 

 

Er haschte nach der mücke

er wollte nicht dass mich beim schreiben etwas stört

er wollte die mücke fangen

die von innen vor dem fenster summte

er öffnete das fenster

die mücke versteckte sich zwischen dem geschriebenen

er griff sich die fliegenklatsche

und drosch auf das papier ein

die aufgeschriebenen gedanken erhoben sich

und flogen fort ich wollte sie aufhalten sagte

dass die mücke mich nicht stört

doch er drosch so lange bis die blätter schnee

weiß und unbeschrieben waren

ich spürte wie sich einige verse an der decke

zu halten versuchten sann ihnen nach

unterm aufschlag der fliegenklatsche

entkamen zum fenster hinaus kleine körper

mit beinen und flügeln jetzt hatte ich

auf dem papier platz für neues 

ich schrieb worte im rhythmus der fliegenklatsche

er sah mir über die schulter wie ich die kommata

setzte die punkte das ganze war ansehnlich

wie menschen in langen kleidern oder frack

es sagte nichts aus ich radierte es raus

er sagte es wäre doch gut so

griff ich ins papier zerriss es plötzlich flog

aus den schnipseln die mücke ins freie

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