Lagebesprechung [63] - Michael Spyra

Jayne-Ann Igel

„hindurch noch schimmern die nächsten“ – Anmerkungen zu Michael Spyras Dichtung

„Du, durch den Boden des Weltmeers gepresster, einst glühender Felsen, / brodelst, sprudelst und quillst über, Oase, du / grüner Gipfel eines nach unten gewaltigen Berges / liegst als Smaragd im Kollier ringsum sich kräuselnden Blaus“ hebt Michael Spyras Text „Sao Miguel“ an, und es ist, als würde der Theogonie Hesiods folgend mit dem Archipel eine Gottheit beschworen, als wäre dieser Fels selbst Teil eines Mythos. Und darin der Autor der Verse als Flaneur und Wanderer zwischen den Welten. Diese Übung in Sprache ist ebenso eine im Sehen. Es scheint von einem Paradies die Rede, das keines mehr ist, vielleicht nie eins gewesen.

Michael Spyra lässt sich hier von einzelnen Versen anderer Dichter ebenso inspirieren wie von der Geschichte dieser Region. Und schlägt dabei einen Bogen von der Antike über die Moderne bis in die Gegenwart. „Der Ziegenbock von Povoacao“ bildet ein gutes Beispiel dafür, wie sich der Autor auf Landschaft und Historie gleichermaßen einlässt, die Strophen des balladenhaften Gedichts werden zudem kunstvoll ineinander verwoben. Es sind jedoch nicht nur die Impressionen eines Reisenden, er reflektiert in moderner Brechung tradierter Formen die Bedingtheiten dieser touristischen Unternehmung gleichsam mit. Wie in „Die Zimmernornen“, wo die touristisch-industrielle Verödung von Landschaften und Regionen als Thema mitschwingt, der fremde Blick darauf wie aufs Personal, das zumeist im Hintergrund, scheinbar aus einer anderen Zeit zu stammen scheint. Und doch fühlt man sich an die Dichtung und Kunst berühmter Reisender ab Ausgang des 18. Jahrhunderts erinnert, an Goethe etwa oder die Arbeiten des Malers Carl Blechen, die damit den Topos der Bildungsreisen begründeten. Diese Texte offenbaren eine gewisse Haltlosigkeit des Reisenden, der dort, wo er auftaucht, in eine Anonymität eingeht, kaum Spuren hinterlassend.

Von den jüngeren Dichterinnen und Dichtern ist Michael Spyra, 1983 in Aschersleben geboren, einer der wenigen, die sich explizit in ihrer Arbeit mit tradierten Versformen und metrischen Mustern auseinandersetzen, sich in Elegien, Oden, Balladen u.a. erproben – er geht virtuos damit um, beherrscht die Formensprachen, übrigens auch im Vortrag. Wiewohl sie uns im Kontext zeitgenössischer Dichtung etwas fremd anmuten mögen. Als charakteristisch für Spyras poetische Erkundungsgänge kann das Schaffen von Zyklen gelten, so wie sie beispielsweise in seinem 2014 erschienenen Debüt „Auf die Äpfel hatte der Herbst geboxt“ und diversen Zeitschriftenbeiträgen (Dreischneuß, ]trash[pool u.a.) wie auch hier abgedruckt zu finden sind. Der literarischen Arbeit geht oftmals die intensive Beschäftigung mit dem Werk einzelner Dichter voraus, in jüngerer Vergangenheit etwa mit Peter Rühmkorf oder Ror Wolf. In gewisser Weise bilden seine Gedichte so auch Antworten auf die Texte anderer Autoren.

Michael Spyra absolvierte ein literaturwissenschaftliches Studium, studierte danach von 2008 bis 2011 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und ist derzeit als Sprechpädagoge in Neinstädt tätig. Momentan arbeitet er an einem neuen Gedichtband.

Michael Spyra

Aus dem Zyklus „Azoren“

 

Die Zimmernornen

 

Immer erst, wenn wir schon über alle Berge sind,

um uns an den schwarzen Stränden zu verbrennen, sagst du,

schleichen sie mit Nagelschere und Magnet ins Zimmer;

 

schneiden deine Haare aus dem Abfluss, angeln Steinchen

aus den Bettbezügen, bügeln Laken, klopfen Kissen,

kehren, wechseln Handtücher und leeren Mülleimer.

 

Dreie wären es, mit einem schmalen Wagen, darauf

lägen Telefon und Zigaretten, was es braucht, um

unsern ersten Tag beliebig oft zu wiederholen.

 

- - „Nornen: Höhere Wesen, die die Schicksale der Menschen wie der Götter bestimmen. Meist werden nur drei genannt: Urd, Werdandi und Skuld; einige Quellen kennen jedoch eine größere Anzahl Nornen.“ aus der Edda

 

 

Die Eichel des Uranos

 

Zwischen den vielen zerschlagenen Steinen fand ich den Einen,

kugelnd vom Wasser umspielt, schreckte mich erst, was ich sah.

Jetzt aber hast auch du das hässliche Ding auf dem Nachttischchen liegen;

heimlich gelutscht hab ich an seinem salzigen Herz.

 

- - „...Da streckte der Sohn aus einem Verstecke die linke / Hand und griff mit der rechten die ungeheuerlich große, / Schneidende, zahnige Sichel und mähte dem eigenen Vater / Eilig ab die Scham und warf im Flug sie wieder“ usw. Vers 179 ff. Theogonie, Hesiod

 

 

Der Mond über dem Atlantik

 

Eben noch im schwärzesten Spiegel wabernd,

plötzlich über mir, ebben die Blicke dir zu.

Wollte ich dich nicht nur erahnen, zwingst du

meine Pupillen.

 

Jeder deiner Krater ist auch ein Nabel

auf demselben schwangeren Bauch so vieler

Formen, wie es Frauen gibt und hindurch noch

schimmern die nächsten.

 

- - „Wie durch ein pralles Pfläumchen / der Stein im Innern schimmert,“ (aus: „Rückkehr nach Sigulda“ von Andrej Wosnessenski)

„jedwedes schimmernd in eigenem Licht, / und innen glommen, wie Weintraubenkerne,“ (aus: „Paris ohne Reime“ von Andrej Wosnessenski)

„schimmern bis zum Morgengraun, wie durch Lampenschirme Birnen, / durch die Röcke nackte Fraun.“ (aus:“ Römische Feiertag“ von Andrej Wosnessenski)

 

 

Michael Spyra

Alles eine Frage der Zeit!

 

„They told me that the classics never go out of style, but... they do, they do.

Somehow, baby? I never thought that... we do too.“

Refused

 

Alles eine Frage der Zeit! Der Stil meiner Klassiker sind freie Verse, immer und überall gewesen, weshalb ich mich dagegen entscheiden musste, um nicht ins selbe Horn zu stoßen. Dabei entdeckte ich die klassischen Klassiker und ihre gebundene Sprache, die auch irgendwann aus der Mode gekommen waren und wieder aus der Mode kommen werden, nachdem sie wieder Mode sind. Die Strukturen von Odenstrophe, Stanze, Elegie und anderer faszinierten mich von Anfang an.

Allerdings war ich immer abgetan von der Sprache, mit der sie gefüllt sind. Natürlich besteht eine Wechselwirkung zwischen Form, Inhalt und Sprache, aber es ist die Aufgabe der Dichterinnen und Dichter genau da einzugreifen. Bei Klopstock finden sich hierzu einige wichtige Gedanken und Erklärungen, auf die ich an dieser Stelle lediglich verweisen möchte (“Von der Sprache der Poesie“ von Friedrich Gottlieb Klopstock).

Für die „Azoren“ hatte ich mir einen zeitlichen Rahmen von einem Monat gesetzt, in dem die Texte inspiriert, geschrieben und überarbeitet werden sollten. Ich hatte dieses Zeitfenster gewählt, weil ich befürchten musste, dass die Gedichte sprachlich und inhaltlich verfälscht würden, je länger meine Erinnerungsspannen werden. Es war mir wichtig so nah wie möglich an und bei den durchlebten und erfahrenen Situationen zu bleiben, um einen möglichst authentischen Eindruck meiner Urlaubserlebnisse zu bewahren. Die Formen ergaben sich teils aus meinen Urlaubslektüren (Peter Hacks „Hundert Gedichte“ und Hesiod), meinen internalisierten Vorerfahrungen und meiner Urlaubsbegleiterin, die sich plötzlich Lieder und Gedichte à la Ringelnatz wünschte und mich zum Improvisieren zwang. Die Sprache ist den Eindrücken, der Lektüre aber auch den Formen geschuldet. Manchmal war es die Sprache, die eine Form nahelegte, manchmal war es umgekehrt. Ich hatte es dem Zufall überlassen und der Urlaubssituation und manchmal auch dem Kolonialwarenton.

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