Lagebesprechung [64] - Franz Dodel

Beat Mazenauer

»ICH SCHREIBE DAMIT MÖGLICHST WENIG HERUMLIEGT«

 

Zu Franz Dodels endlos Haiku »Nicht bei Trost«

 

 

»Im Anfang war das Wort« – übersetzte Luther den ersten Vers des Johannes-Evangeliums, um fortzufahren: »und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort«. Goethes Faust verhielt sich angesichts dieser Übersetzung skeptisch und setzte nach langem Räsonieren »getrost« die Tat an den Anfang. Seinem Vorbild folgt Franz Dodel im Auftakt zu seiner Dichtung »Nicht bei Trost«:

 

»das Tun ist älter
als das Hören und reicher
weil es Gewalt ist« (V. 0001 ff.)

 

In diesen drei Zeilen hatte 2002 ein dichterisches Werk seinen Ursprung, das in der zeitgenössischen Lyrik einzigartig ist wegen seines Umfangs und wegen der Ausdauer, die der Autor damit beweist. Auf mittlerweile mehr als 35'000 Verse ist Franz Dodels Poem »Nicht bei Trost« inzwischen angewachsen, wobei es nicht der Ironie entbehrt, dass sich die umfangreiche Dichtung ausgerechnet auf die kleinste poetische Einheit bezieht. Entgegen der Regel, die das traditionelle japanische Haiku auf drei Zeilen im alternierenden Silbenformat 5-7-5 limitiert, hat Franz Dodel nach der dritten Zeile nicht innegehalten, sondern eine vierte Zeile hinzugesetzt, dann eine fünfte und so weiter, stets im rhythmischen Wechsel von fünf und sieben Silben. Auf diese Weise fand er von der Gewalt des menschlichen Tuns bald zu einem anhebenden Lachen und weiter zur »Wetterlage des Glücks«. Bei dieser Formulierung sah sich der Autor erstmals genötigt, mit einer kurzen Notiz auf seine Inspirationsquelle hinzuweisen: E. E. Cummings. Damit war die kommentierende Randglosse eröffnet, die fortan linksseitig sein endloses Haiku begleiten sollte, um bei Vers 500 endlich auch das zentrale Leitmotiv einzuführen: Marcel Prousts »A la recherche du temps perdu«. Ein Verweis auf dieses Werk sollte sich fortan alle 500 Zeilen wiederholen, als poetologischer Ankerpunkt in einem Fluss der Gedanken und Betrachtungen, der seit 16 Jahren gemächlich und bedachtsam Zeile um Zeile anwächst. Franz Dodel betreibt sein Langgedicht, das streng genommen längst kein Haiku mehr ist, als tägliches Exerzitium, dessen Fortgang sich auf seiner Webseite mitverfolgen lässt. Vom Sog dieser Gewohnheit lässt er sich zum Nachdenken über Leben und Tod, Profanes und Heiliges, Natur und Kultur verführen. Der regelmäßige Rhythmus geht dabei ganz in einem gedanklichen Schweifen auf, das von wacher Beobachtung, von Kunstsinn und von Lebenserfahrung zeugt. Dabei demonstriert Franz Dodel die Gelassenheit eines Dichters, der auch mit letzten Fragen umzugehen weiß – und stets zugleich um solche Gelassenheit ringt, weil das memento mori nie gefahrlos auszuhalten ist. Er bezwingt seine Unruhe, indem er sie in Worten aufhebt. So geht er täglich

 

»auf die Leerstelle zu die
vor mir liegt und die
der Text auch dieses mal nicht
zu schließen vermag« (V. 26660 ff.)

 

Es ist ihm nicht um ein Ankommen zu tun oder gar um eine Pointe; lieber verlässt sich Franz Dodel ganz auf die poetische Bewegung eines solchen »Fortschreibens«. Dabei imponiert besonders seine formale Geschmeidigkeit. Es gibt in seiner Dichtung weder pathetische Umstürze noch syntaktische Verrenkungen. Der Strom der Worte fließt in einem natürlichen Bett, die Lesenden brauchen lediglich die Interpunktionen nach eigenem Gutdünken zu setzen. Da er nun einmal damit begonnen habe, schrieb er 2008 für ein Nachwort, »will ich, solang ich vermag, damit fortfahren«. 

Alle 6000 Verse ist in den letzten Jahren daraus ein Buch entstanden, 2004 als illustriertes Künstlerbuch, ab 2008 im schlichten Brevierformat mit schwarzem Lederfasereinband und Dünndruck-Papier. Der ausgewählte Ausschnitt stammt aus einem Teil, der noch nicht in Buchform vorliegt und 2019 unter dem Titel »Nicht bei Trost. Capricci« erscheinen wird.

Franz Dodel

Nicht bei Trost. Capricci.

 





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beim aufmerksamen
Betrachten eines kleinen
Tannenzapfens wird
mir bewusst wie sehr es mir
an Ordnung gebricht
doch ist es gut möglich dass
auch Randloses das
was mir zu überblicken
nicht gelingt einer
Ordnung unterliegt die sich
verbirgt immerhin:

 

 

 

 

33478: Vgl. den Anfang von Dantes Divina Commedia (Inferno): «Nel mezzo del cammin di nostra vita / mi ritrovai per una selva oscura ...»




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würde ich enden als Hirsch
zwischen den Zähnen
fände man ein Radieschen
das heißt ich wurde
erlegt auf offenem Feld
nah eines Gartens
und nicht im Dunkel des Walds
diese Zuversicht
wird verstärkt durch das Herbstlicht
es zeichnet und färbt
die Dinge mit einer Kraft
die mich ahnen lässt
wie wichtig es ist dass ich
mich ihnen zeige
während mein Sehen ihnen
wenig bedeutet

33488-33500: Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. FA II, 1: Unterwegs zu Swann, Frankfurt a.M. 2004, S. 124: «Sobald ich einen Gegenstand außerhalb meiner wahrnahm, stellte sich das Bewusstsein, dass ich ihn sah, trennend zwischen mich und ihn, umgab ihn mit einer geistigen Schicht, die mich hinderte, seine Substanz zu berühren; ...»

 

 

33502-33506: Blaise Pascal, Über die Religion und über einige andere Gegenstände (Pensées), übertr. und hg. von Ewald Wasmuth, Heidelberg 1978, Das Mysterium Jesu, S. 244: «Tröste dich. Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht schon gefunden hättest.»

 



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sie merken dass sich etwas
was sie nicht kennen
zwischen uns schiebt meine Sicht
auf sie scheint ihnen
durch mein Erkennen verstellt
auch was in mir selbst
sich aufhellt so dass es mir
ins Blickfeld gerät
scheint oft ein Trugbild zu sein
vorgegaukelt von
diesem anderen Ich das
man leicht übersieht
und das viel über uns weiß
nichts ist erreichbar
doch das Unerreichbare
auf das man zugeht
ist unerklärlich schon da
getröstet glaubt man
es leicht wiederzufinden
nur wie soll solches
Finden gelingen ohne
Hilfe eines mich
liebenden Gottes der das
Gesuchte dazu
anhält sich mir zu zeigen
unbegreiflich bleibt
dass so vieles mich berührt
die Quitte neben
dem kleinen roten Apfel
beide liegen still
in der hellblauen Schale
die Zeit scheint in ein
Kreisen überzugehen
ohne die Früchte
oder mich zu berühren
mag sein dass solches
Empfinden wenig und nichts
beiträgt zur Rettung
eines Planeten auf dem
eine Art Wahnsinn
sich auszubreiten beginnt
ist es Müdigkeit
des Denkens ein Ausweichen
meines Staunens das
sich jetzt dem überlauten
Gekreisch der Stare
aussetzt die zu Tausenden
in den Bäumen auf das
Zeichen warten zum Aufbruch
wobei jeder beim
Anflug ohne zu zögern
traumsicher seinen
Platz findet auf einem der
wippenden Äste
lauter undurchschaubare
Vollkommenheiten
drängen in den Vordergrund
dahinter verblasst
alles andere vieles
verschwindet ohne
dass dabei ein Bedauern
feststellbar wäre
weder von mir noch von dem
was sich verflüchtigt

 

 

 

 

 

 

  15496-15500: Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. IV: Sodom und Gomorrha, Frankfurt a.M. 2004, S. 560: «Indes, als der Schlaf ihn so weit aus der von Erinnerung und Denken bewegten Welt hinwegführte durch einen Äther hindurch, in dem er allein, ja mehr als allein war, da er ja nicht einmal jenen Gefährten hatte, in dem man sich selbst erkennt, befand er sich außerhalb der Zeit und ihrer Maßstäbe.»

  15501-15505: Franz Rosenzweig: «Im Denken schlägt wirklich ein Schlag tausend Verbindungen; im Schreiben müssen diese tausend säuberlich auf die Schnur von Tausenden Zeilen gereiht werden.» In: ders.: Zweistromland. Kleinere Schriften zu Glauben und Denken (Der Mensch und sein Werk. Gesammelte Schriften, Bd. 3), Dordrecht 1984, S. 142 (Das neue Denken. Einige nachträgliche Bemerkungen zum «Stern der Erlösung»).

 

 

 

 

 

 
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[Poetologische Notiz]

 

ich schreibe eingebettet
im Torf der Sätze
schwebe im leuchtenden
Plankton der Wörter
allein unterwegs zwischen
Erinnern und nichts
ohne diesen Gefährten
in welchem ich mich
selbst zu erkennen vermag
die Verbindungen
die das Denken gleichzeitig
wahrnimmt müssen hier
schreibend und nacheinander
aufgereiht werden
doch was zu zeigen sich lohnt
findet sich noch nicht
in dem was hier steht sondern
in dem was erst kommt
hier wird ein Denken das schreibt
eingeübt ohne
zu wissen was sich daraus
ergibt …

 

 

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