Lagebesprechung [60] - Undine Materni

Jayne-Ann Igel

Hinter den Worten hockt immer noch eine andere Wahrheit

Zu Undine Maternis Gedichten

Undine Materni äußerte kürzlich im Gespräch, es gäbe jetzt für sie keinen Zwang mehr, in ihren Gedichten immer wieder auf Kindheit, Herkunft, Eltern zurückzukommen. Das war notwendig, doch nun bewege sie sich auf andere Dinge zu (obgleich sie das auch vordem getan hat, so geben etwa schon die in den 90er und 2000er Jahren erschienenen Gedichtbände „Irr-Land“ und „Das beharrliche Unglück der Dinge“ Kunde davon). Ein Beispiel dafür sind die Handwerkerinnengedichte, die seit einiger Zeit entstehen (eine Anzahl dieser Texte sind in „Zündblättchen“ Nr.58/ 2013 publiziert), sie arbeitet an einem neuen Band. Sie beteiligt sich seit längerem an spartenübergreifenden künstlerischen Projekten (Theater, Bildende Kunst), die sie wiederum zu neuen Texten inspirieren. Darüber hinaus schreibt sie Theaterstücke, Hörspiele, Rezensionen, Kolumnen, ist als Lektorin, Nachdichterin und Herausgeberin tätig.

Der Versuch, Undine Maternis Dichtung auf einen Begriff zu bringen, muss scheitern, in positiver Hinsicht. Denn diese Dichtung ist nicht leicht einordbar in eine Tradition, in einen der Schübe, auf deren Etiketten dann was von Neo-, Post- oder experimentell steht. Wiewohl die Dichterin als Leserin Vorlieben hat, Ingeborg Bachmann, Wisława Szymborska und Sarah Kirsch etwa, oder Max Sessner und Franz Hodjak, und so mit ihres gleichen auch in ein produktives Verhältnis tritt. Es mag Anklänge geben, poetische Verwandtschaften, die ich aber eher in einer Art magischen Realismus sehe (wie er in Herta Müllers frühen Texten zu finden ist), darin, im Moment der Berührung die Dinge zu verwandeln, anders sein zu lassen. Genau dies passiert mit dem, was ihr unter die Finger, in die Sinne kommt, durch sie hindurchgegangen ist, mittels eines poetischen Verfahrens, das die Ambivalenz, Vielschichtigkeit, die Dingen, Vorgängen eigen ist, transparent macht. Es eröffnet einer anderen Wahrheit hinter den Worten Raum, wie es etwa in der letzten Strophe des hier abgedruckten Gedichts „Das abwesende Haus meines Vaters“ zu erleben ist. – Es ist, als nähme man alles unter einer Schicht Wasser wahr, etwas verschwommen und gleichermaßen in einer Klarheit, wie es uns im direkten Gegenüber nie erscheint. Und so man die Gedichte liest, vermeint man einen Gesang zu vernehmen, einen Sprechgesang, zuweilen auch expressiven Ton, der an Else Lasker-Schüler erinnert. Gebildet aus einem ornamentalen Geflecht von Wiederholungen und Weiterungen, das einen in den Bann zieht. Dem Gedicht „Das abwesende Haus meines Vaters“ eignet eine Liedstruktur, die Zeile mein vater ist immer auf halber sohle gegangen dient als Refrain, der gleich einem Antrieb immer wieder neue Erinnerungsbilder und Assoziationen generiert, ein poetisches Verfahren, das auch bei anderen Texten Maternis zu beobachten ist. Es ist ein erkundendes Sich-Bewegen durch die Textur der Wirklichkeit, auch ein Sich-Bewegen-lassen. Was dabei fasziniert, sind die Momente von Sinnlichkeit in den Versen, die Schlusszeilen warten oft mit einer überraschenden Pointe auf. Im Sinne von Ingeborg Bachmann ist es Credo der Dichterin, nicht nur etwas äußerlich wahrzunehmen, sondern es zu begreifen. Im Schatten des Vorgegebenen, Offensichtlichen lassen sich andere Ebenen entdecken, ergeben sich unerwartete Einblicke, hat so etwas wie Imagination statt, deren Zeugen wir werden:

jetzt/ wagen sich die geisterbäume in die gezirkelte/ landschaft winken mit der müdigkeit/ von fremden deren atem voller/ abenteuer ist

heißt es in ihrem Gedicht „all colours will agree in the dark“, das sich um den Wandel des Lichts, der Farben, Formen dreht und in dem sie eingangs beschreibt, was mit Einbruch der Nacht in der Stadt damit geschieht. Sie zitiert dabei die Dinge nicht oder mit ihnen verbundene Gefühle, sondern macht sie sichtbar. Leidenschaft und Dringlichkeit (innere Notwendigkeit) sind für die Dichterin ausschlaggebend, Texte, die zu schreiben sie als notwendig erachtet.

 

Undine Materni

das abwesende haus meines vaters

I

mein vater ist immer nur auf

halber sohle gegangen

in der backstube umkreiste er

seine mehlweiße welt

 

dem ofen riss er

das maul auf um

feuer zu legen

auf dem kopf trug er ein

käppchen aus vergänglichem stoff

 

das hielt ihm das

haar in der nähe

damit keiner sagte sein

brot wäre grau in der scheibe

 

mein vater dachte worte

wie zuckersalzhefeundmehl

kakaocrememilchundschokolade

kardamomingwerundzimt

 

so sprach er in der

vierten stunde des morgens

mit sich dann

verschwieg er sich über den tag

 

mein vater ist immer

nur auf halber sohle

gegangen

er durfte das brot nicht

 

erschrecken das in den

körben aufging seine winzigen

kinder die täglich wuchsen

um ihn zu verlassen

 

viermal schnitt er mit

sicherer hand in die haut

und strich mit dem pinsel

den schmerz aus dem raum

 

er hörte die hitze im rechten

moment im knacken der scheite

schob laib um laib in die hölle

zog paradiesische krusten

 

heraus die tauschte er

gegen blitzblanke münzen

die er ohne zu zählen

in einer kiste verwahrte

 

mein vater wurde selbst

zu einem brot doch

keiner getraute sich

davon zu essen

 

II

mein vater bewohnte

ein vierflügliges haus

im hof herrschte

ein hund namens hasso

 

der über die jahre

die fellfarbe wechselte

um zum schluss

immer kleiner zu werden

 

im stall fraßen sich

schweine dem schlachter

entgegen für die hühner erfand

mein vater eine

 

besondere sprache

mit nur einem vokal und

stetig wechselnden

konsonanten

 

mein vater ist

immer nur auf halber

sohle gegangen

in den stuben des hauses

 

starben drei mütter

manchmal winkte eine

hinter einer gardine wenn mein

vater den hof überquerte

 

mein vater ist immer auf

halber sohle gegangen

gefügt und gebogen

erhitzt und gebrannt

 

stetig und still

machte er sich den teig und

die brote zu täglich

wechselnden freunden

 

und aß

wenn er allein war

am liebsten

tiefdunkles fleisch

 

III

mein vater ist immer

auf halber sohle gegangen

halb hat er eine frau geliebt

ein viertel blieb für die kinder

 

die waren weder formbarer teig

noch vergängliche kruste

an den sonntagen brachte er kekse und

ein anderes schweigen mit in die stadt

 

verwuchs mit dem sessel

in die vierte stunde

des montags hinüber

nahm dann sein käppchen

 

vom haken flüsterte

zuckersalzhefeundmehl

kakaocrememilchundschokolade

kardamomingwerundzimt

 

stopfte dem hungrigen ofen

das maul und sich die

sprache zwischen die

lippen zurück

 

IV

dann hat mein vater das

backen verlernt wie das

sprechen seine mehlweißen hände

winken die tage vorüber

 

manchmal greift er

nach einem will ihn begrüßen

doch immer fehlt es

an wörtern im satz

 

bis der tag sich

davon stiehlt

wie seine brüder

gestern und morgen

 

V

mein vater

ist immer auf halber sohle

gegangen

seine schuhe waren am ballen

 

durchlöchert an den

fersen wie neu

als ich ihn fand

und mit ihm davonfuhr

 

sein leeres haus hat

seine flügel ausgebreitet

und sich im nahen wäldchen

umgebracht –

 

 

all colours will agree in the dark

ein belichtetes gedicht

I

dunkel wird es in der stadt

nie ganz

immer ist da noch eine

tagspur übrig wie ein rest

etwas wonach sich jetzt keiner

mehr unbedingt umdrehen muss weil

die temperatur von erwartungen

mit jeder minute absinkt jetzt

wagen sich die geisterbäume in die gezirkelte

landschaft winken mit der müdigkeit

von fremden deren atem voller

abenteuer ist die wiesen scheinen

wie seltsame wasser

rufen in wellenschlägen nach

empfindsamen sohlen jetzt

wäre selbst in der stadt etwas wie

stille möglich doch dunkel wird es

nie ganz und es ist immer ein rauschen

über den dingen die aggregate

summen zaubersprüche in die leeren straßen

streuen kühle lichtpartikel über die

entladerampen heben begrenzungen

aus dem grund vergolden

den mächtigen brückenpfeiler

es ist ein trauriges märchen

in diesem licht ohne mauersegler ohne trügerisches

rot ohne bordeaux all colours will agree in the dark

das klingt als würden sie einander

an den fingern fassen um sich der

landschaft zu bemächtigen sie zu trösten

diese landschaft die keine landschaft

mehr ist eher: ein gelände

ein gelände der abwesenheit eine

gigantische bühne ohne akteure über die der

rauch wie giftige zuckerwatte aus den essen

weht all colours will agree es wäre ein grau ein

silber vielleicht ein

unentschiedener ton voller ruhe

aber sie teilen sich in ein

bitteres grün ein hämisches violett ein frostiges

blau nur ab und zu gießt sich tröstliches

gelb wie honig zwischen die wände ein sog ein

augentunnel für die heimkehrer die in den

turmhäusern wohnen in denen man den satz

mit den katzen sagt wenn man das licht meint

oder die nacht diesen satz der die gegenwart

der tiere auf den straßen ebenso ausschließt wie

die möglichkeit von landschaften nachts

im gelände

 

II

in den turmhäusern warten akteure und

statisten auf ihren einsatz den morgens

die sonne gibt ein signal zur belebung

der szenerie: lumiere selas svet

lys feny lumo luz light birta svetlost

licht lumen light lumière svet selas lamba …

dann schweigen auch die

blinkenden lichter das tränenauge der

kühltruhe das müde gesicht einer elektrischen

zahnbürste das tröstliche hell eines

verlassenen fensters der bildschirm

an dem ein dichter die spur

einer katze ins dunkel verfolgt …

all colours will agree in the dark

nachts sind die katzen grau die sich

nicht aus dem schatten wagen nachts

hat das wort licht

ein anderes gewicht nachts ist es

eine leistung ein produkt

ein schattenwort von gedämpftem klang

ein augenanker der das gelände

an der landschaft hält: selas birta luce

svetlost lumen luz svet light feny licht

lamba lumière selas …

 

ein mantel der die vergänglichkeit

der dinge zu verschweigen sucht

wie zimtbitteres lachen am grab

eines freundes dessen abwesenheit

 

 

Undine Materni

es ist ein irrtum

zu glauben in einem

gedicht könne man sich

ausruhen etwa den kopf behaglich

auf eine metapher legen es wäre

verdächtig sich an der mühe vorbei

zu schaukeln in grün oder

rosa als stände die zeit still

in einem gedicht an der

peripherie zur wirklichkeit

wie auch immer diese sich kleidet

um den morgen zu grüßen den mittag

die nacht in der die dinge ihre

namen verleugnen und doch nicht

verloren gehen im scheinbaren

stillstand während die uhren sich unbeirrt

weiter und weiter im kreis drehen es ist

ein irrtum zu glauben ein gedicht sei

so etwas wie ein schiff ein handhabbares

küchengerät ein blumentopf ein aschekasten

mantel handschuh runder hut irgendetwas

zum reintun ein ort ohne bewegung der

vielleicht ohne schweiß auskommt so

ist es nicht ein gedicht ist keine ansammlung

von vermutungen ein gedicht ist absicht ist

höhlung erhebung ist auslassung ist behauptung ist

flüssig und schartig ist (im schlimmsten fall) süß bitter

und abgründig lebendig freundlich zuweilen

und es kommt unerwartet entgegen

wie ein freund ein feind

an die tür ans fenster auf dem

gehsteig es ist wie die umarmung

eines fremden im stadion der handschlag eines

bettlers im tunnel die berührung der wange

durch eine fingerkuppe das streichen eines linden

blattes über die schulter der schlag einer fallenden

walnuss aufs haupt ein schnitt in den finger

mit einer scharfen klinge es wäre gern

unvergesslich aber so ist es nicht es geht

und das ist gut vorbei wie der sommer der

frühling der herbst im winter verweilt es gern länger

als durchsichtige wolke vor einem sprechenden mund -

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