Lagebesprechung [66] - Yari Bernasconi

Ruth Gantert

GESCHICHTE IM HIER UND JETZT

Zu Yari Bernasconis Gedichten

Tallinn, Peipsi järv, Tartu, Kuressaare, Dejevo – die Abfolge der fünf Titel lässt an ein reines Klanggedicht denken. Wer sich in Geografie oder in Bernasconis Werk auskennt, weiß jedoch, dass es sich um Städte, einen See und eine Ortschaft in Estland handelt. Die abschließend genannte Region auf der Insel Saaremaa erscheint bereits im Titel von Bernasconis erster Publikation, dem schmalen, quadratischen Band Lettere da Dejevo. Im Anschluss an diese „Briefe“ finden sich auch einige „Postkarten“ unter Bernasconis Gedichten, „Cartolina da Saint-Gilles-du-Gard“, „Cartolina da Herisau“, oder einfach „Cartolina notturna“, sowie ein Reisetagebuch aus Irland „Piccolo diario d’Irlanda (con Emanuela)“. Tatsächlich ist die Geografie, der genaue Blick auf Orte (und auf Unorte) wichtig für den im Schweizer Malcantone an der Grenze zu Italien aufgewachsenen Lyriker. Grenzen und die Art, sie in die Lebenswelt einzubinden oder sie zu überwinden spielen eine große Rolle in seinen Gedichten, sei es das Gotthardmassiv, sei es der hier genannte Peipussee, der sich von den heimischen Wassern unterscheidet.

Wer reist, vergleicht: das Hier mit dem Dort, das Bekannte mit dem Unbekannten. Der vorliegende Zyklus zeichnet sich besonders dadurch aus, dass es eine Rückkehr ist: Ein lyrisches „Wir“ sieht die Landschaft, die Städte und Dörfer nach zehnjährigem Abstand wieder und trifft sich auch zum zweiten Mal mit einem weiblichen „Du“, das auf der Insel zuhause ist. Dabei verschiebt sich der geografische Vergleich in die zeitliche Dimension: damals und heute – was hat sich seither verändert? Kurz erwähnt werden Gebäude, die von der 1990 erlangten Unabhängigkeit Estlands von der Sowjetunion zeugen und auf einen wachsenden Tourismus schließen lassen: der moderne Flughafen, das neu eingerichtete Museum mit einem Foto aus den ersten Tagen der Freiheit. Ebenso lapidar gesellt sich dazu der obligate, banale Raum „zwischen Restaurant und Bankomat“.

Der Zyklus der fünf Gedichte besticht durch seine ruhige Musikalität, die den fragmentarischen Charakter der Momentaufnahme in ein komponiertes Ganzes einbindet. Die Verse sind unprätentiös und nahe bei der Erzählung. Mit knappen Mitteln stellen sie eine innige Beziehung zwischen den Reisenden und den Einheimischen dar, im Parallelismus „Sei sempre tu“ / „Anche noi siamo sempre noi“ wie auch in den komplementären Rollen der Erzählerin und der Zuhörenden. Während das lyrische Ich, eingeschlossen im „Wir“, beobachtet, zweifelt und nachdenkt, erhält das „Du“ das Wort, um zu zeigen und zu erzählen: „Io sono nata lì, dici [...]“, „ci parli di teatro e di progetti nuovi“. Die individuelle Lebenssituation ist stets auch Teil einer kollektiven Geschichte („[...] sempre all’ombra / di quella storia più grande, ingombrante, / che noi fingiamo ancora di credere / distante“). Ein ungewöhnlicher Reim verbindet das letzte Wort „distante“ mit „ingombrante“, während der Zeilensprung es vom vorangehenden Vers abtrennt und isoliert – so entsteht in Klang und Rhythmus Distanz und Nähe in Einem, die Abwesenheit und Präsenz der Geschichte.

Yari Bernasconis Lyrik charakterisiert ein empathischer Blick auf die Schrecken der Vergangenheit, auf Gewalt und Leid, aber auch die genaue Beobachtung der Gegenwart und Vorstellung der Zukunft. In Nuovi giorni di polvere („Neue Tage des Staubs“) heißt ein Gedichtzyklus nach einem Vers von Franco Fortini „Non è vero che saremo perdonati“: „Es stimmt nicht, dass uns dereinst vergeben wird“. Bei allen existentiellen Fragen bleibt der Dichter aber im Konkreten verhaftet: Auf dem Bild der Befreiung Estlands sieht er Väter und Mütter, die »vielleicht auf einen Brotlaib« warten. Und so endet auch das letzte Gedicht nicht mit dem Symbol der verschwundenen Ruinen von Dejevo, sondern mit Eierschwämmen, Beeren und Kräutern „für deinen Tee“.


Yari Bernasconi

Ritorno a Dejevo / Rückkehr nach Dejevo

Tallinn

Sei sempre tu: la giacca e il gatto

sulla maglietta. Gli occhi determinati.

Ma l’aeroporto è nuovo e quando dici

»dieci anni fa« qualcosa si smarrisce:

una piccola ruota dell’ingranaggio,

tra le vetrate; la vivida certezza

nell’ignoto, quel nulla tanto atteso

e poi riempito e affrontato con foga.

 

Anche noi siamo sempre noi. Soltanto

più numerosi. E come te, quando diciamo

»dieci anni fa«, sentiamo forte e pesante

lo strascico del tempo andato,

che sembra perso.

 

Tallinn

Du bist wie immer: die Jacke und die Katze

auf dem T-Shirt. Die bestimmten Augen.

Doch der Flughafen ist neu, und wenn du

»vor zehn Jahren« sagst, geht etwas verloren:

ein kleines Rad im Räderwerk,

zwischen dem Glas; die lebendige Gewissheit

im Unbekannten, das so ersehnte Nichts,

dann eifrig angefüllt und in Angriff genommen.

 

Auch wir sind wie immer. Nur noch

zahlreicher. Und wie du, wenn wir

»vor zehn Jahren« sagen, spüren wir stark und schwer

das Nachwirken der vergangenen Zeit,

die verloren scheint.

 

Peipsi järv

Nicht weit von Narva, Stadt und Fluss

mit einer strengen Grenze gegen Süden,

erzählst du uns vom Theater und neuen Projekten.

Inzwischen taucht links der Peipsi See auf,

wie ein offenes Zollamt, immens und grau,

gekräuselt vom kalten Wind.

 

Wir glaubten, die Grenzen des Süßwassers

zu kennen, die wir seit jeher schnell passieren,

die Abgründe verborgen von den Spiegelungen.

Dieser See aber sieht aus wie ein Meer

ohne Sonne, der horizontale Schlund

offen gelassen von denen, die mit Gewalt kamen,

mit nichts sonst; und jetzt, auf demselben Land,

geraubt und wieder verloren, wartet seit Jahrzehnten

dasselbe vergebliche Morgen. 

 

Dejevo

Wo sind die verfallenen, vernichteten Häuser,

das Dorf in Ruinen? Diese Trümmer,

verschlungen vom Grün und so voller Symbole?

Wir haben sie nicht geträumt, sagen sie uns später,

alles wurde abgerissen, aus Sicherheitsgründen

entfernt. Die zwei in die Erde gegrabenen Garagen

sind nun banale Orte zum Zechen und Nächtigen.

Die alten Straßen eine Piste für Quad

und Motorschlitten.

 

Wir fotografieren zwei zwischen den Tannen vergessene

Ziegelsteine, du wartest und sammelst Eierschwämme,

dann Beeren und Kräuter für deinen Tee.

 

Aus dem Italienischen von Julia Dengg

Yari Bernasconi

»In der Realität schürfen mit der Sprache der Poesie«

Dejevo ist eine kleine Gegend der Insel Saareema, in Estland. Dort geschah es, dass ich 2006 auf einer Reise in genau richtiger Begleitung nach einer Fahrt auf Schotterstraßen mitten im Wald zum ersten Mal ein Geisterdorf sah. Sicherlich gibt es viele Geisterdörfer auf der ganzen Welt verteilt, jedes mit seinen Besonderheiten, aber für mich war es der erste, konkrete Ort der Verlassenheit, der Stille und der Abwesenheit, dem ich zufällig begegnete. Zur Zeit der sowjetischen Besatzung lebten dort Offiziere und Soldaten der Roten Armee mit ihren Familien. Anfangs der neunziger Jahre, als Estland die Unabhängigkeit erlangte, wurde das Dorf beschädigt und verlassen, zum Teil von der örtlichen Bevölkerung geplündert und schließlich von der Vegetation verschluckt.

Ich war 23 Jahre alt und Dejevo schien mir damals das vollkommene Sinnbild des menschlichen Wesens und seiner paradoxen Art, die Erde zu bewohnen: nicht nur die suggestive Faszination der Ruinen, sondern die Gegenwart der Geschichte, der Hass zwischen Völkern, die Besetzung und die Flucht, und ringsum diese majestätische grüne Macht, Bäume, Pflanzen, Tiere, die Mauern niederreißen, Dächer zum Einstürzen bringen, Fenster und Türen eindrücken ... Auch ich fand meinen Platz zwischen den Häusern nicht. Mein Erstaunen traf auf das Unverständnis für einen entfernten Ort, der von Erfahrungen anderer sprach; zum kindlichen Neid auf ein Land, das es noch aufzubauen galt, gesellte sich eine tiefe Bewunderung. Vor allem aber wurde mir klar, dass meine bis anhin vage und von der Schule bestimmte Vorstellung vom Schreiben und von der Literatur eine präzise Form annahm. Wenn es nämlich eine Art und Weise gab, von diesem vieldeutigen, zum Teil unsagbaren Ort zu sprechen, der voll von Ungesagtem und von Geheimnissen war, wo das Leben und seine Abwege pulsierten, dann musste diese Art und Weise die Poesie sein, zu deren Eigenschaften gerade die Vieldeutigkeit und das Ungesagte zählen, der sichtbare und musikalische Raum, der Leserinnen und Leser dazu einlädt, ihre persönlichen Erfahrungen mit einzubringen. Und in kurzer Zeit verwandelte sich dieser Gedanke in Notwendigkeit: in der Realität schürfen mit der Sprache der Poesie. Versuchen, es mit der unterirdischen Schicht aufzunehmen, die verschiedenen Ablagerungen der Realität durch das Schreiben auszuloten. In der immerwährenden Hoffnung, besser nachzuforschen und die richtigen Fragen zu finden. Dejevo wurde für mich zum Symbol des Schreibens und zu dessen Sinn.

Als wir 2016 nach Estland zurückkehrten, beschlossen wir, erneut über die Insel Saaremaa zu fahren, für den Teil der Reise, der zu ihrer letzten Etappe werden sollte. So nahmen wir, nachdem wir einige Tage in Talinn und in Tartu verbracht hatten und bis zur russischen Grenze vorgestoßen waren, die Fähre nach Kuressaare, dem Hauptort der Insel, und fuhren mit dem Auto nochmals nach Dejevo. Die Schotterstraßen, das Meer, die Vegetation und der Wind waren genau gleich. Nur fanden wir nichts mehr vor. Wenige, sehr wenige Ziegelsteine, sonst keine Spur des Geisterdorfes, das in meinem Leben eine so große Rolle gespielt hatte. Wie es mit den besten, den unerschütterlichsten Erkenntnissen geht, jenen unverrückbaren Fixpunkten, die uns den Weg weisen, so war mein Dejevo verschwunden. Dabei ist unerheblich, dass die Regierung beschlossen hatte, die baufälligen Ruinen aus Sicherheitsgründen zu entfernen, wie man uns später erklärte: Von dem Ort, an dem ich angefangen hatte zu schreiben, an dem alle meine Wörter zur Welt gekommen waren, war nichts mehr übrig.

Aus diesem Grund ist Dejevo für mich noch heute, und mehr denn je, das Symbol für das Schreiben und für dessen Sinn.

Aus dem Italienischen von Ruth Gantert

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